Eingesendet: Latte Macchiato und Pfandflaschen

von DreadEye

Es ist Samstagabend und ich stehe am Fenster und überlege, ob ich mich noch mal aufraffen soll, um irgendwo hinzugehen. Wohin wüsste ich nicht. Einfach der Nase nach… Ich hab’ diesen Drang etwas zu unternehmen, etwas zu erleben…ich bin müde. Heute morgen früh aufgestanden. Hab ein bisschen für die Uni gelernt- irgendein sinnloses Grammatikzeugs, das kein normaler Mensch braucht, um zu leben. Bin dann heut Mittag für’n paar Minuten eingenickt und wenn ich jetzt meinen Hintern hoch kriege und die paar Schritte aus dem Haus in die Innenstadt mache, halt ich bestimmt die halbe Nacht durch, wenn nicht sogar bis zum Morgen. Der lässt an einem so schönen lauen Frühlingsabend dann so oder so nicht allzu lang auf sich warten. Und eh man sich versieht, hat man die Nacht dahingetanzt und steht morgens um sechs Uhr beim Sonntagsbäcker, um sich schnell noch vor dem Schlafengehen ein kleines Frühstück zu genehmigen.
Aber. Ja, hier kommt das lahme, unmotivierte und so gar nicht lebenslustige, ernste ABER:
Aber wenn ich rausgehe, die Nacht durchtanze, dann ist der Tag morgen auf jeden im Eimer und ich komme zu nix mehr. Ich muss aber definitiv noch was machen. Hab heute nicht so viel geschafft, wie ich eigentlich geplant hatte. Und ich hab’ noch ohne Ende Zeugs zu lesen und durchzuarbeiten. Ganz zu schweigen von den Essays und Referaten, die ich alle bis zum nächsten Monat fertig haben muss. Danach sind nämlich Prüfungen. Und dann noch Zwischenprüfungen. In letzter Zeit weiß ich vor Arbeit kaum noch, wo mir der Kopp steht. Es ist frustrierend ständig ins Leere zu arbeiten und zu lernen, ohne ein Ende zu sehen. Ohne den Hauch einer Vorstellung davon, wie es sein könnte, wenn man irgendwann auch mal fertig ist mit dem Studium. Wenn der Druck raus ist, es zu etwas bringen zu müssen. Wer zu sein. Auf die Frage ‚Was machst du?’ mit einem ‚Ich bin Lehrer.’ Antworten zu können. Und dann…
Was dann…? Soll’s das dann gewesen sein? Bloodclat! Das hört sich glatt wie ne ausgewachsene Mid-Life-Crises an. Dabei bin ich doch erst (oder doch schon?) fünfundzwanzig. Sollte man nicht in dem Alter oder überhaupt irgendwann einmal sinnlos durch die Welt ziehen? Das tun, was einem das kleine Teufelchen auf der Schulter zufällig grade ins Ohr flüstert? Nicht an ein Morgen denken…?
Ich drehe mir eine Zigarette, um mir eine Gedankenpause zu gönnen und blicke auf die Strasse herunter. Direkt auf der anderen Straßenseite haben sich vier Motorradpolizisten in schillernden Neonwesten mit der Aufschrift Verkehrspolizei auf das Straßengeländer gesetzt. Sehen aus wie Hühner auf der Stange, die auch nicht wirklich wissen, was sie da sollen, aber sich trotzdem einzureden versuchen, dass alles seinen Sinn hat.
Es juckt mir in den Fingern jetzt ein schön aussagekräftiges Lied aufzulegen und laut aufzudrehen, so dass die Herren auf der anderen Straßenseite sich mal kritisch-konstruktiv (und natürlich aus sicherer Entfernung- bin ja kein Held!) mit meinem Standpunkt auseinandersetzten können. Ich spliffe so vor mich hin und lass Alborosie’s „Policeman an Soldier fe stop pressure Natty Dreadlock“ laufen. Was für ein pubertärer Blödsinn! Als ob die das kratzen würde! Als ob die das mitschneiden würden- schließlich hänge ich meinen Hals ja drei Stockwerke über ihnen aus dem Fenster und dazwischen liegt noch ne vierspurige Strasse mit Bushaltestelle, an der die Herren sich anscheinend amüsiert den Abend um die Ohren schlagen wollen.
Ich geh’ mir selbst mit meiner Art auf’n Zeiger und mache den Männern ein Friedensangebot, indem ich „One Love“ von Marley auflege. Sind doch auch nur stinknormale Menschen, die ihren Job machen. Könnte mir gut vorstellen, dass die sich auch ne angenehmere Samstagabendbeschäftigung wünschen, als an der Alberstrasse rumzustehen. Aber warum stehen die da rum? Für ne simple Streife sind vier auf jeden Fall zu viele und um die Dynamo Fans aufzuhalten sind’s zu wenige, falls die sich entscheiden sollten nach dem Sieg ihrer Mannschaft mal wieder n bissel randalieren zu gehen. Also wat steh’n die da rum?!
Ich erinnere mich an den Abschnitt Grammatiktheorie, den ich heut’ Nachmittag gelesen hab. Ging um die sogenannte Frame-Script-Theorie Bedeutet etwa soviel, dass wir Sätze als zusammengehörigen Text erkennen, auch wenn keine Beziehungsanzeigenden syntaktischen Verknüpfungsmittel zwischen den Sätzen stehen. Wir werden durch gewisse Signalwörter oder allgemeiner durch Zeichen auf einen außer sprachlichen, realitätsbezogenen Sinnzusammenhang verwiesen. Diesen Sinn erschließen wir aus den semantischen Feldern der Begriffe oder Zeichen, die aus unserem Erfahrungsschatz ein bestimmtes Welt- oder Handlungswissen aktivieren. So können wir aus Sätzen, die augenscheinlich d.h. grammatisch nichts miteinander zu tun haben, einen Kontext bestimmen, der die Sätze auf einer tieferen Ebene verknüpft. Ergo sagen mir die vier Verkehrspolizisten, dass gleich etwas Größeres in Sicht kommen muss.
Wie um meinen Gedankengang zu bestätigen fahren mit einem Mal mindestens zehn Mannschaftswägen vor, aus denen eine knappe Hundertschaft in kompletter Einsatzmontur springt. Also passiert hier gleich wirklich was! Ich entschließe mich, es mir am Fenster gemütlich zu machen, um die Ereignisse zu verfolgen und hole mir ein Glas Wasser, dreh mir noch ne Zigarette (diesmal ohne pubertären Beigeschmack) und beobachte aus der Vogelperspektive, wie sich die Damen und Herren vom Einsatzkommando bei ihren Kollegen von der Hühnerstange einrichten. Ein paar lehnen sich locker gegen die Einsatzwägen und rauchen, andere stehen in Grüppchen zusammen und unterhalten sich. Wenn sie keine Uniformen tragen und nicht unbedingt wie bestellt und doch nicht abgeholt an der Strasse rumstehen würden, könnte man den Anblick für normal halten. Aber so…? So werd’ ich das Gefühl nicht los, dass hier heute noch wat vorbeikommen muss. Es fahren einige Kranken- und Feuerwehrwägen runter zur Altstadt. Vielleicht ne Dängelei…?
Mir fallen noch zwei weitere, größere Wägen auf, die direkt hinter der Ampel beim Fußgängerübergang zur Hauptstrasse geparkt sind. Die scheinen den Eingang zur Innenstadt dichtmachen zu wollen oder umgekehrt, etwas aufhalten, was sich in Richtung Neustadt bewegt. Alborosie, den ich mittlerweile wieder aufgelegt hab, erzählt mir davon, wie er nachts um neun durch die Strassen von Kingston läuft und ich schaue hoch zur Turmuhr der Dreikönigskirche: In Dresden ist es etwa viertel vor zehn- mitten in der blauen Stunde eines gediegenen Frühlingsabends. Doch unten auf der Alberstrasse am Jorge-Gomondai Platz versammeln sich die Anzeichen einer weitaus weniger gediegenen Nacht, während sich immer mehr Menschen bei den größeren Wägen stauen. Sie sehen aus wie Passanten, die vom Sportclub Grün-Weiß angehalten oder gewarnt werden nicht weiter zu gehen. Es werden immer mehr. Sie stehen einfach nur da. Warten.
Eine kleine Gruppe von Jugendlichen lässt die Menschenansammlung rechts liegen und läuft auf den Straßenbahnschienen Richtung Elbe. Ein oder zwei sind sogar so mutig mitten durch die Hundertschaft zu laufen. Das riecht nach Provokation. Fragt sich nur, wer zuerst die Nerven verliert. Ich schnappe mir meine Schreibmaschine und fange an, wie wild Wortfetzen auf das Papier zu hämmern. Und tatsächlich pöbeln die Jungs und Mädels die „Kackbullenschweine“ an, allerdings erst nachdem sie mitten durch die Einsatzleute hindurch und auf sicheren Abstand gegangen sind. Die jedoch lassen sich davon nicht wirklich anheben und funzeln nur ein bisschen mit ihrem Halogenstrahler hinter dem Grüppchen her, worauf die erst richtig aggro werden. Die Kids wirken, als ob sich durch alles provozieren lassen würden, schließlich gehen zwei sogar aufeinander los und müssen vom Rest der Gruppe auseinander gehalten werden. Es ist traurig, so viel überschüssige Energie in stumpfe Aggression und Destruktionspotential umgesetzt zu sehen in den Kids zu sehen, von denen keiner zu wissen scheint, wohin mit sich selbst und all den Emotionen. Der Anblick der Polizisten ist nur der Auslöser dafür, aber weder Ursache noch Ziel. Zumindest kommt es mir so vor. Schließlich bin ich kein Hirnklempner, der behaupten könnte, das läge alles an traumatischen Kindheitserlebnissen oder ähnlich fadenscheinige Begründungen für ein Verhalten, von dem man nicht sagen will, dass es Teil der menschliche Natur oder schlicht unerklärbar für unser Gesellschaftsbild ist. Ich frage mich, ob ich auch mal so gewirkt habe, ob ich auch mal so gewesen bin. Oder bin ich es immer noch, ohne es zu merken? Vielleicht hab ich nur mehr Erfahrung und kann meine Aggressionen besser oder zumindest anders kanalisieren, als mich mit einem Haufen gepanzerter Schlagstockschwinger anzulegen. Vielleicht bin ich auch nur feiger geworden, weil ich erlebt hab, was die können, wenn die wollen oder sich gezwungen fühlen, was manchmal für gewisse Herren das gleiche ist. Dennoch kann ich das Gefühl der Youths, dieselbe Unruhe in mir spüren, die die da unten antreibt. Es muss doch was passieren! Ganz egal was. Nur raus aus der zermürbenden Routine, die einen kontinuierlich auf ein unbestimmtes, den eigenen Vorstellungen und Wünschen fremdes Ziel zu treibt. Weg von dem Eindruck, dass man eigentlich ein ganz normales Leben in einer paranormalen Welt führt. Weg von der Bedeutungslosigkeit, die sich in der Suche nach dem vermeintlichen Sinn des Lebens verbirgt.
Plötzlich dröhnt Musik los. Kein bestimmter Sound. Nur etwas, was sich durch die total überlasteten Boxen als Aggro-Techno beschreiben lassen könnte. Von der Musik, wie von Licht angezogen, hat sich eine Traube von dreihundert oder vierhundert Menschen um die Wägen versammelt. Doch ne Demo? Aber wofür? Oder wogegen? Scheint ja gewissermaßen attraktiv für die freunde der Nacht zu sein, aber um diese Uhrzeit kann man doch nun wirklich nicht mehr damit rechnen die Aufmerksamkeit der schlummernden Massen zu erwecken.
Es ist kurz vor zehn. Wenn das eine unangemeldete Veranstaltung sein sollte, dass wird sie spätestens um zehn wegen Ruhestörung aufgelöst- aber dann hätte man doch schon früher eingegriffen. Schließlich standen hier schon die Beamten rum, als noch kein Demonstrant weit und breit in Sicht war. So scheint mir das Ganze trotz augenscheinlichen Widerspruchs einen Plan oder zumindest eine Absicht zu verfolgen. Ich höre verschwommen, wie sich jemand an die Menge wendet. Man versteht nicht wirklich was; zumindest aus diesem Hörwinkel. Alles verschwimmt in einem Geräuschbrei, während sich die Einsatzleute auf der Strasse in Stellung gehen. Sie bilden einen Trichter entlang der Fahrbahnmarkierung. Also wird es eine Demo. Oder zumindest wird es ein Marsch. Ob es eine Demo wird, kann ich im Moment nicht wirklich beurteilen: der Mann am Mikro erzählt zwar irgendwas, aber mehr als kontextlose Wörter kann ich kaum verstehen.
Freiheit! Die Menge jubelt. Ein Freund des Sprechers, dem irgendwas Schlimmes passiert sein muss. Gespanntes Raunen. Die Luft über der Menge schmeckt nach Adrenalin. Man wird anscheinend politisch; erwähnt Deutschland, Europa, die Alaunstrasse. Was wollen die? Eine Frauenstimme löst den ersten Sprecher ab. Sie ist etwas besser zu verstehen, als die aufgeheizt und aufheizende Stimme ihres Vorgängers. Sie sagt aber auch nicht viel mehr. Man will tanzen. Tanzend demonstrieren. Soll das hier ein Love-Parade Revival werden, oder was? Dafür seid ihr mal knapp zwanzig Jahre zu spät liebe Leute!
Es geht los. Die Masse setzt sich in Bewegung. Getanzt wird allerdings noch nicht. Die Menge biegt auf die Strasse ein, wo sie von der Exekutive des Landes Sachsen umringt werden, als wolle man sie abführen. Das die auch immer gleich so übertreiben müssen! Da stehen dreihundert Leute um einen Ghettoblaster auf vier Rädern und dafür braucht man, allen Ernstes, knapp hundert Polizisten?! Man könnte Steuergelder auch für unsinnigere Unternehmen, wie Schulsanierungen oder so ausgeben. Aber was soll’s- die müssen es ja wissen. Ist auch bestimmt ein gutes Training für den Obama Besuch in zwei Wochen. Schon mal das Einkesseln und Auflösen für den Ernstfall üben.
Die Kolonne steht jetzt direkt unter meinem Fenster und es sind schon ein paar echt bunte Gestalten da unten versammelt. Ich erkenne sogar die Sprüche auf einigen Pappschildern:
Tanzt Deutschland nieder! Oi! Oi! Oi! oder Gegen Repression und Bullengewalt! und Freiheit für die Gefangenen von Straßburg! Der Knilch am Mikro bittet die Menge, wohl auf Geheiß der Grün-Weißen, sämtliche Glasflaschen an den Straßenrand zu stellen. Solange müsse die Musik ausbleiben und der Zug dürfe nicht fortgesetzt werden. Auf dem ersten Wagen wird die Musik auch ausgemacht, aber die Technoheads vom hinteren Wagen haben es wohl nicht ganz mitgeschnitten: die johlen und zappeln fröhlich weiter zu ihrem DruffDruffDruff Sound. Ich vermute mal stark, dass von denen sowieso die wenigsten auf Bier abfahren. Derweil versucht es der „Moderator“ auf dem vorderen wagen mit Publikumsanimation. Er erinnert die Menge an einen Song namens „We will rock you!“ und versucht sich in einer mehr schlecht als rechten BeatBox Improvisation. Die Leute klatschen zwar den Takt mit, aber diese vier Wörter können sie trotz wiederholter Vorgabe kommen ihnen nicht über die Lippen. Vielleicht denken sie auch in diesem Moment an die Strophe:

Buddy you’re a young man, hard man, shouting in the street, gonna take on the world someday! Got blood on your face! Your big disgrace! Waving your banner all over the place!

Keiner singt. Die Revolution muss warten, bis alle „gewaltbereiten Autonomen” bereitwillig ihre Glasflaschen auf den Bürgersteig gestellt haben und nach ein paar Minuten stellt unser ‚Buddy’ fest, dass wohl alle Flaschen weg sein müssten. Kurz darauf setzt sich der Zug mit den Klängen einer Drum&Bass Version von Get up, stand up wieder in Bewegung. Sie ziehen los. Richtung Fluss. Ist das Freiheit?
Stille.
Abgesehen von den Flaschen und einigen noch glühenden Kippen erinnert nichts daran, dass hier vor zwei Minuten noch ein paar hundert Menschen waren. Glasflaschen und Kippen. Mehr Eindruck haben sie nicht hinterlassen. Und auch der wird von dem wieder anfahrenden Verkehr schnell verwischt. War’s das jetzt? Frage ich mich. Soll’s das gewesen sein? Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, warum ich vorhin meine Schreibmaschine ausgepackt und zu schreiben angefangen habe. Ich weiß nicht, was ich schreibe, als ich die ersten zusammenhängenden Sätze tippe.
Freiheit. Das Wort hallt in meinen Ohren nach wie ein Echo, spiegelt sich vor meinem geistigen Auge wie eine Fata Morgana; ein Phantom eines Gedankens, ein Geist ohne Gestalt, ohne Stimme. Unfassbar und unerreichbar. Ich halte inne, um mir eine Zigarette zu drehen. Vom Kirchturm gegenüber ertönt ein bronzener Glockenton. Elf Mal. Der Tag geht zur Neige, während das Dunkel der Nacht über das letzte Blau am westlichen Horizont hereinbricht. Ich sitze da und beobachte wie der bläuliche Rauch meiner Kippe in der Schwärze der Nacht über der verlassenen Strasse zerfließt. Kurz bevor er sich auflöst, scheint die Zeit still zu stehen und wie eine bizarre Skulptur im Raum zu verharren. Dann löst er sich auf und ich blicke gedankenverloren in die Tiefe der Nacht…
Plötzlich schälen sich schemenhafte Schwingen aus den Schatten; stürzen auf mich zu und mit einem Mal sitzt ein riesiger Vogel vor mir auf meiner Schreibmaschine!
„Wat glotzt’n so romatisch?“ krächzt er.
„Faszinierende Vorstellung…“ murmele ich mehr zu mir selbst, als ich mich frage, ob ich wache oder träume.
„Warum stellste dir die Frage erst jetz’?“
„Wer bist du und was machst du hier?“ frage ich den Vogel.
„Dat fragste mich?!“ schnaubt er. „Ich bin der Anfang und das Ende deiner Suche.“
„Dann sag mir, was Freiheit ist! Wie werde ich frei?“
„Heb mich hoch und halte mich aus dem Fenster, so dass ich wegfliegen kann.“
„Nein, geh’ noch nicht! Du sollst mir zuerst sagen, was Freiheit ist!“
„Kann ich nich’!“ schnarrt er.
„Kannst du es nicht oder willst du es nicht?“
„Wenn du’s so sehr wissen willst, warum findeste es nich’ selber raus? Hilf mir auf und spring mit mir aus dem Fenster!“
„Aber ich kann doch nicht fliegen wie du, schon vergessen? Ich bin ein Mensch, kein Vogel.“
„Darauf kommt’s doch ga’ nich’ an!“
„Doch! Genau das ist der entscheidende Punkt.“
„Dann kann ich’s dir nich’ erklären!“ quäkt er enttäuscht und macht einen Satz auf den Fenstersims.
„Ich hab es doch gewusst!“ rufe ich. „Du willst es mir überhaupt nicht sagen!“
Der Vogel breitet seine Flügel aus, neigt mir seinen gefiederten Kopf zu und mustert mich aus den unergründlichen Tiefen seiner gläsern spiegelnden Augen. „Wer will hier was?“ krächzt er und fliegt in die Finsternis hinaus…
Ich folge ihm mit meinen Blicken, bis er vom nächtlichen Horizont verschluckt wird. Die Kippe zwischen meinen Fingern ist verraucht und ich schnippe sie in hohem Bogen aus dem Fenster. Mein Blick fällt dabei auf die Strasse, wo ein alter Bekannter der Motorradpolizei sich wartend umsieht. Kommt die Parade etwa wieder zurück? Kaum habe ich das gedacht, da rücken auch schon die ersten Leute an und ich höre die Musik zu mir heraufschallen. Der Menschenstrom fließt unter meinem Fenster vorbei auf seinen Ausgangspunkt zu. Wie ein Fluss bewegt sich die Menge, jeder Mensch darin eine kleine Welle für sich die Masse voran treibend. Aus dem hinteren Wagen schäppert immer noch Aggro-Techno und im vorderen hat sich irgendein Möchtegern Gangsta-Revoluzzer-Rapper das Mikro gekrallt und grölt arhytmisch seine Schwachsinnstexte. Aber etwas ist geschehen; etwas ist anders als vorher: Wo zu Beginn ein gedrängtes und ineinander gezwungenes Chaos von Bewegung und Körpern war, hat sich nun der Rhythmus der Musik über die Demo gelegt; sie durchdrungen; zu einem Ganzen geeint. Wo Raver, Punks, Oi’s und andere Alternative gewesen sind, sehe ich nun die offenen Gesichter von Menschen, die, ekstatischen Traumwandlern gleich, ihre versunkenen Sinne auf das Ziel richten von dem aus sie losgegangen waren. Die Menge kommt zum Stillstand und die Turmuhr schlägt viertel nach zwölf.
Während es sich das schwer benötigte, aber noch schwerer gelangweilte Anti-Krisen Aufgebot der Ordnungshüter am Straßenrand bequem macht, hat die gesichtslose Stimme der NeoNada Revolution dem Kindergartenrapper das Mikro geklaut und setzt zu seiner Abschlussrede an.
Es wird zum Umdenken, zum Widerstand gegen das System aufgerufen. Raven gegen die Gesamtscheiße soll die Alternative sein, mit der man sich gegen die Unterdrückung des Kapitalismus zur Wehr setzen will. Zu lange sei man schon ausgebeutet worden; zu lange den Indoktrinationen der Konsumgesellschaft ausgeliefert gewesen; zu lange hätten sich die Latte Macchiato saufenden Yuppies in ihren dicken Karren für etwas Besseres gehalten. Deswegen wolle man sich jetzt Freiräume erkämpfen und zum Abschluss der gelungenen Demo, bei der sich doch so viele Leute eingefunden und den gerechten Kampf um die Freiheit unterstützt haben, Latte Macchiato an alle verteilen…
Derweil haben die Herren Ordnungshüter nach ausgiebigem Gähnen und Strecken ihre Videokameras eingepackt, die Feierabendzigarette geraucht und sich in freudiger Erwartung zur Heimfahrt in ihre Einsatzwägen gesetzt, nachdem der pseudoalternative Schreihals am Mikro die Nachttanz Demo „Temporärer Freiraum“ offiziell für beendet erklärt und die Leute nach Hause geschickt hat. Um viertel vor eins haben sich auch die meisten „Demonstranten“ verzogen und alle anderen mehr oder minder Beteiligten Akteure des Abends räumen ebenfalls das Feld. Eine halbe Stunde später liegt der Platz völlig verlassen da; lediglich eine Handvoll Leute sitzt im Kreis an dem Ort, wo das ganze Geschehen seinen Anfang nahm. Sie, der Müll und die alte Frau, die mit ihrem Fahrrad und vollgestopften Plastiktüten die Pfandflaschen einsammelt, die großzügigerweise für sie zurückgelassen wurden, zeugen noch davon, das hier eben noch Freiheit demonstriert wurde.


1 Antwort auf „Eingesendet: Latte Macchiato und Pfandflaschen“


  1. 1 farfalla 08. Juni 2009 um 1:39 Uhr

    DreadEye
    „Es wird zum Umdenken, zum Widerstand gegen das System aufgerufen. Raven gegen die Gesamtscheiße soll die Alternative sein, mit der man sich gegen die Unterdrückung des Kapitalismus zur Wehr setzen will. Zu lange sei man schon ausgebeutet worden; zu lange den Indoktrinationen der Konsumgesellschaft ausgeliefert gewesen; zu lange hätten sich die Latte Macchiato saufenden Yuppies in ihren dicken Karren für etwas Besseres gehalten. Deswegen wolle man sich jetzt Freiräume erkämpfen und zum Abschluss der gelungenen Demo, bei der sich doch so viele Leute eingefunden und den gerechten Kampf um die Freiheit unterstützt haben, Latte Macchiato an alle verteilen…“

    nunja so oder so ähnlich. du hättest dich gerne diesem dubiosen party mob anschließen können um zu erfahren um was es sich dabei eigentlich handelt..oder einfach nur um deine pläne, an diesem angebrochenen und doch irgendwie verlorenen abend noch etwas…irgendetwas zu unternehmen.
    falls du interesse daran hast kannst du hier auf dem blog auch nochmnal die redebeiträge durchlesen, die von deinem fenster aus nur schwerlich verständlich waren.
    vielleicht bist du ja das nächste mal dabei..?!

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.