Samstagnachmittag

Ich möchte darauf hinweisen, dass dieser Text aus einem „szene-internen“ Blickwinkel heraus geschrieben ist, was Menschen die sich nicht innerhalb der selbigen bewegen etwas verwirren könnte, da einige Bilder sehr zugespitzt dargestellt sind. Ich möchte mich außerdem bei meinen Freund_innen dafür entschuldigen, dass ich es so selten schaffe auch die positiven Seiten unseres Alltags darzustellen.

Kippe rauchend sitze ich in meinem Zimmer und denke über die Gestaltung meines Lebens, meine Taten und meine Überzeugungen nach. Ja, auch solche Momente gibt es im Alltag eines „linken Extremisten“, der mit Nazis, die erneut Millionen von Menschen vergasen würden auf einer Stufe steht, zumindest wenn es nach den CDU-„Experten“ wie Herrn Dr. Jesse geht. Ich sitze da also in meinem schlecht beleuchteten, viel zu kleinen und bis zum Erbrechen zugestellten Zimmer, starre verloren an die niedrige Decke und lass meine Gedanken schweifen. Ich weiß ziemlich genau, wo ich hin will, was ich erreichen will und warum. Doch meine Träume scheitern so oft an der Traumlosigkeit anderer Menschen… Mir wird bewusst, wie tiefgreifend die Philosophie ist, die besagt, dass mensch zur eigenen Freiheit erst alle anderen Menschen befreien muss. Im Umkehrschluss bedeutet das letztlich nichts anderes, als dass ich, in jedem Moment wo ich mir meine Freiheit nehmen lasse, auch die Freiheit aller anderen bedrohe. Das ist dir zu abstrakt? Okay, ganz einfaches Beispiel: Wenn ich im Zug sitze und meine Fahrkarte kontrolliert wird und aus irgendeinem kuriosen Grund habe ich sogar eine dabei und zeige sie brav vor, bringe ich dann nicht alle in Gefahr die reisen wollen, auch ohne Geld für eine Fahrkarte? Wenn alle das Vorzeigen einer Fahrkarte verweigern würden, was wollte der/die Kontrolleur_in dann machen?

Dies ist nur einer von vielen gedanklichen Ausflügen an diesem Abend und die meisten enden ähnlich: ich bemerke wie sehr ich Teil meines eigenen Problems bin. In den Diskussionen am Nachmittag wurde wie immer viel über das Fehlverhalten von anderen Menschen erzählt. Es wurde zum Teil von Herrschenden, Bonzen, Yuppies und [beliebigen Sündenbock hier einsetzen] gesprochen, doch wo bleibt die Selbstreflexion, die Ehrlichkeit? Sicher die oben genannten Personengruppen tragen natürlich viel dazu bei, dass die Welt so ist, wie sie ist, Aber wie viel besser sind „wir“ (die mit den schicken schwarzen Klamotten, den coolen Phrasen und modischen A-Aufnähern) denn?

Kaufen wir ein? Ja, – aber natürlich nur bei dem kleinen Laden um die Ecke, da der natürlich der/die gute Kapitalist_in ist (vgl.- Springer, Demonstrant – gut/ böse). Brauchen wir Gruppenidentität? Natürlich nicht, aber Szeneklamotten, unverständliche, politische Fachbegriffe und die feste Überzeugung alles besser zu wissen und sowieso recht zu haben, sind für eine bessere Welt einfach unvermeidlich.

Naja, dann ist ja an sich alles super, wir haben es drauf und die ANDEREN (also der beschränkte Pöbel) muss es nur noch merken.

…Denkpause, muss nächste Kippe rollen…
*anzünd*
*zieh*
Ah, herrlich dieses unvergleichliche Aroma von American Spirit kommt aber nur richtig raus, wenn mensch dazu die dünnen von OCB benutzt. So, noch nen Schluck von der, aus irgendeinem Grund politisch korrekten, „Club Mate“ und dann geht’s weiter…

*rülps* So, weiter im gedanklichen Ausflug, umrahmt von der antikapitalistischen Tristesse meiner autonomen Abstellkammer. Wenn mensch mit verschiedenen Leuten Diskussionen über die Änderung der Gesellschaft und die Rolle, die eine „autonome“ „Bewegung“ darin inne hat, führt, dann wird mensch meist auf sehr ähnliche Standpunkte stoßen, die sich vereinfacht in 3 Gruppen zusammen fassen lassen. Da gibt es zum einen die, die in der Bewegung stecken und (fast) jeder Person, die nicht die kulturelle Grammatik (also die Szenecodes) selbiger befolgen die Fähigkeit und den Willen zur gesellschaftlichen Veränderung absprechen. In diesen Kreisen findet mensch dann auch am ehesten die oben beschriebene Unfähigkeit, bzw. den Unwillen die eigenen Widersprüche zu erkennen. Hier würde ich mich dann auch verorten, wenn gleich ich mich um Besserung bemühe. Ganz ehrlich!

Auch recht häufig kommt mensch mit Aussteiger_innen oder Leuten, die sich innerhalb der Szenedunstkreise bewegen in Kontakt. Von dieser Seite hört mensch dann oft sehr treffende und erbarmungslose Kritik, die meist mit der Konsequenz der politischen Lethargie gekoppelt ist. Die Mängel werden erkannt, auf Blogsport-Seiten, Indymedia-Kommentaren, in zufälligen Gesprächen, Diskussionsveranstaltungen oder Aushängen im örtlichen AZ, gerne sehr vulgär, dargelegt und zum Anlass genommen sich darüber hinaus gänzlich aus der aktiven Politik raus zu halten, weil die „Szene“ ja eh scheiße ist.

Schlussendlich gibt es dann noch eine nicht gerade geringe Zahl von Leuten, die sowieso keinen Funken Hoffnung auf irgendeine breite Verbesserung in dieser Welt hat und die jedem rät, den eigenen Arsch zu retten und zu erkennen, dass jegliche Aktivität darüber hinaus nur zu Lasten des Steuerzahlers geht und sowieso keine Erfolgsaussichten genießt.

Alle drei Stereotypen kotzen mich gleichermaßen an (auch wenn es darüber hinaus und dazwischen natürlich unzählig mehr Meinungen, Positionen und Macken gibt). Die einen machen Aktionen für die Szene und fürs Ego, ohne sich noch mit kritischem Blick von außen betrachten zu können, die anderen betrachten nur noch von außen, zu bequem oder resigniert, um aus ihren Einschätzungen und Schlussfolgerungen etwas Konstruktives erwachsen zu lassen. Letztere haben ihr geistiges und utopistisches Potential meist schon völlig über den Jordan geschickt, suchen höchstens nach Gründen, mit denen sie ihre Einstellung legitimieren können und gammeln mit Lohnarbeit und Glotze der Rente entgegen.

„Da kann mensch schon depressiv werden.“, denk ich mir und lege die dazu passende Musik ein: in diesem Fall „Deine Lakein“ mit Liedern wie „2nd Sun“.

Ich habe mir gerade eine Flasche Billigschnapps hoch geholt und will mich an einer Welle theatralischen Selbstmitleids berauschen, da stört von der Straße kommender Lärm das herrlich emotionale Klaviersolo. Ein Gruppe halbstarker, flaumbärtiger Jungs in trendigen Markenoutfits zieht vor meinem Fenster gröhlend über die Straße, markiert urinierend ihr Revier und macht einem, für sie wohl sehr attraktiv-erscheinenden, Mädchen lautstark und äußerst direkt die „Aufwartung“.

Meine Gedanken, dadurch jäh aus der melancholischen Grundstimmung gerissen, schlagen einen neuen Kurs ein. Nachdem ich die vorbeiziehenden Macker aus dem Fenster vollgepöbelt habe, denke ich darüber nach, dass es in der ganzen Debatte um die Neustadt eigentlich um viel mehr geht. Die Wut, die Empörung und die ganze Hetze gegen die bösen, die anderen ist nicht nur eine Frage des Kapitals.

Es ist eine Frage von Lebenseinstellungen; von den D.I.Y.-Punkern, abgedrehten Irren, antiautoritären Hippies, den Rolling Stones singenden Alkoholikern und den tausenden anderen unkonventionellen Gestalten zu saufenden Party-Prolls, Leuten, die nach einem harten Arbeitstag aus verständlichen Gründen einen ruhigen Feierabend haben möchten, Leuten die sich aus weniger verständlichen Gründen eine florierende Wirtschaft im Viertel wünschen, Menschen, die gerne Luxus genießen ohne mit den Anzug tragenden Zombies auf dem Weißen Hirsch zusammenzuwohnen und auf beiden „Seiten“ viel zu viele Leute, die sich darüber noch nie Gedanken gemacht haben.

Es ist also oft auch ein persönlicher und weniger ein gesellschaftliche Konflikt, in dem ein demolierter Mercedes schnell eine revolutionäre Tat und das Anzeigen von stillen Besetzer_innen schnell eine Maßnahme für die Sicherheit der Nachbar_innenschaft wird. Von allen Seiten blinken in Leuchtschrift Worte wie „verkürzt“, „Frontenbildung“ usw. auf.

Da stellt sich die berechtigte Frage: wo steh ich in diesem Krieg? Von Neutralität kann ich bei mir nicht sprechen, habe ich für die Macken der „Szene“ doch eindeutig mehr Verständnis als für die Macken der anderen. Trotzdem ist es doch so, dass uns weniger persönliche Differenzen zu Feinden machen, als die Spielregeln des Systems, die uns gegeneinander ausspielen. Während ich das schreiben unterbreche, um abzuaschen, bin ich der Meinung hier gerade eine große Erkenntnis abgetippt zu haben. Spinnen wir den Faden also mal weiter. Ich hoffe du bist noch nicht eingeschlafen. Die persönlichen Feindschaften gibt es ja trotzdem. Zum Teil sind die wirklich durch völlig entgegengesetzte und mit sich unvereinbare Ansichten begründet. In den meisten Fällen sieht es doch aber eher so aus, dass Personengruppe A, Personengruppe B nicht annähernd vermitteln kann, warum sie so denkt und lebt wie sie es nun mal macht. So versteht Anwohner_in A vermutlich nicht, warum ihre lang ersparte Karre vom Autonomen XY in einer Anti-Gentrifizierungsaktion abgefackelt wird. Genauso wenig versteht Punker_in D, warum Nachbar_in K bei einem Konzert gleich die Bullen holt, damit die Kids ab 22 Uhr pennen können.

Irgendwie scheint der Gedanke, es mal mit Kommunikation zu versuchen, sehr vielen Akteur_innen verloren gegangen zu sein. Es scheint viel leichter, immer die Unterschiede und das Störende im anderen Menschen zu sehen als das Liebenswerte oder die Gemeinsamkeiten.

So, und jetzt fragen wir uns beide mal, also ich als tippender und du als hoffentlich noch lesender Mensch, ob das nicht genau Teil der kapitalistischen Philosophie vom Existenzkampf gegeneinander und Ausdruck der dadurch atomisierten Gesellschaft ist, die immer kritisiert werden. Vielleicht ist das ja alles ein Ansatzpunkt mal wirklich was zu ändern. Einige sind dieser Meinung und auch wenn es ein langer Weg ist, vielleicht stellen sich die Monster, die wir immer bekämpfen, ja doch bei einem Blick über den Tellerrand als Menschen heraus und vielleicht sehen wir ja, bei einem ehrlichen Blick in den Spiegel, dass auch wir zum Teil Monster sind.

Gegen Gruppenidentitäten, dogmatische Ideologien und den ganzen anderen Scheiß, der uns zu Nazis macht!


7 Antworten auf „Samstagnachmittag“


  1. 1 Ali 17. Juni 2009 um 5:55 Uhr

    Das anthtropozentrische Dogma welches diesen Zeilen inhärent ist, ist Hauptbestandteil des Paradoxons.

  2. 2 Ali 17. Juni 2009 um 5:58 Uhr

    Das anthropozentrische Dogma welches diesen Zeilen inhärent ist, ist Hauptgegenstand des Paradoxons.

  3. 3 @ 17. Juni 2009 um 10:24 Uhr

    neu sind die erkenntnisse des autors ja nun nicht, auch wenn mensch das geschriebene so unterschreiben kann. dass mangelnde kommunikation und das „bildungs-/erziehungswesen“ dieser gesellschaft (welches angepasste, leicht zu unterhaltende/konsumierende und möglichst schnell verwertbare Egoisten produziert) gründe dafür sind, dass ein friedliches miteinander oder besser noch, eine libertäre gesellschaft, (noch)nicht möglich ist, ist nicht nur uns subversiven elementen klar. also eine treffende aber kine neue erkenntnis. doch wie kann eine „szene“, kommunikation, offenheit,… von otto normalmensch fordern, wenn dies in der eigenen „szene“ schon net funktioniert?! denn komm mal als „neue_r“ oder „auswertige_r“ in den dunstkreis der lokalen“szene“, oder schlimmer noch, versuch in diese „reinzukommen“ bzw. anschluß zu finden! schräge blicke, mißtrauen oder die kalte schulter wird einem da meist entgegengebracht. denn es ist auch in „unseren“ kreisen verdammt schwer in gewachsenen(verkrusteten) strukturen um einlass zu bitten. also:
    1.selbstkritik tut not!!!
    2.szenemief abschaffen!!!
    3.einen schritt auf die zugehen, die „uns“gegenüber skeptisch
    und vorurteilsbehaftet sind, denn die machen keinen schritt auf
    uns zu, im gegenteil. aber ohne sympathien in der bevölkerung
    kann „unser“ kleiner haufen keine bessere welt erschaffen!!!

  4. 4 leni 18. Juni 2009 um 14:29 Uhr

    wenn du dich selbst ankotzt ist das dein problem.
    die anderen die zu bequem…wenn du damit meinst keine post vom staatsanwalt bekommen zu wollen oder gar mit knast konfrontiert zu werden- ok.
    resigniert…klar und sich halt irgendwann entscheiden ob arbeit und familie mit der politischen aktion vereinbar ist. leider können das nur wenige!
    da ich mein geistiges und utopistisches potenzial über den jordan geschickt habe, kann ich auf nicht mehr deines textes eingehen. prost.
    (über den jordan ins gelobte land, ins himmelreich)
    @: das neue es schwehr haben in die szene zu kommen ist ein wenig selbstschutz. die es wollen schaffen es aber auch, dauert nur ne weile!
    schaut euch mal das neue wahlprogramm der cdu an. mehr überwachung, härtere strafen…, da werden wohl noch mehr vor der glotze (oder pc?)der rente entgegen gammeln!
    das uns zu nazis macht…? gähn

  5. 5 und tschüss 19. Juni 2009 um 14:21 Uhr

    Danke! Herzlich habe ich gelacht über diese köstliche Beschreibung der Trostlosigkeit des Lebens, hoffnungslos ideologisierter und verwirrter Jugendlicher. Vielleicht hättest Du in der Schule mehr aufpassen sollen, dann wäre das mit dem „schönen Leben“ gar nicht so schwer und die müsstest Dir nicht eine „Flasche Billigschnaps hochholen“, um den inneren Nazis bei Dir zu ersäufen.

  6. 6 und tschüss 19. Juni 2009 um 14:21 Uhr

    Danke! Herzlich habe ich gelacht über diese köstliche Beschreibung der Trostlosigkeit des Lebens, hoffnungslos ideologisierter und verwirrter Jugendlicher. Vielleicht hättest Du in der Schule mehr aufpassen sollen, dann wäre das mit dem „schönen Leben“ gar nicht so schwer und die müsstest Dir nicht eine „Flasche Billigschnaps hochholen“, um den inneren Nazi bei Dir zu ersäufen.

  7. 7 Tezcatlipoca 26. Juni 2009 um 18:25 Uhr

    Mir hat der Artikel gut gefallen. Man kann sich ja immer einbilden, die eigene Ideologie wäre der Mittelpunkt des Universums; aber umso erschreckender wird dann der Kontakt mit dem, was Du mit „Atomisierung“ andeutest. Von daher kann es nicht schaden, sich dazu Gedanken zu machen vor der eigenen Verbürgerlichung – wenn man seine politische Identität hauptsächlich aus sich selber heraus definiert, könnte die ja auch mal ausbleiben…
    Das Ghetto existiert auch ausserhalb vom Ghetto, nur anders…

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