Du brauchst Gründe?

Warum ich gegen das System und die derzeitge Gesellschaftsordnung kämpfe? Das hatte für mich am Anfang eigentlich gar nichts mit hochgestochenen, politischen Fremdwörtern zu tun, auch wenn ich diese heute viel zu oft verwende. Es hatte anfangs nichts mit einer ausgearbeiteten Kritik an Herrschaft, der Situation von Asylsuchenden, der Auflösung der Bundeswehr oder einem der ganzen anderen Themen zu tun die in anarchistischen Schriften immer wieder behandelt werden. Die Grundmotivation, für mich als westlichen, männlichen Weißen, also einen potentiellen Gewinner des Systems war viel weniger abstrakt, war ganz menschlich und für jeden, der sich noch Emotionen zugesteht erlebbar;

Zu sehen wie Menschen, denen ich gerne Nahe wäre, denen ich Liebe schenken will nicht mehr dazu fähig sind anderen Personen, oder sich selbst zu vertrauen. Zu sehen wie diese Gesellschaft sie unfähig gemacht hat zu lieben, wie ihre emotionale Welt zu einem täglichen Horrorfilm verkommen ist und zu merken wie auch mein eigenes Leben sich zu einem verdammten Theaterstück mit falschen Schauspielern entwickelt hat, dass waren die Gründe die mich bewogen haben etwas zu tun.

Wenn Leute mir sagen, der Gegenstand meines politischen Kampfes sei für sie nicht erlebbar, sie kämen gut zurecht in Deutschland, könnten sich nicht beschweren dann sind sie vielleicht einfach nur nicht ehrlich zu sich selbst. Wer schleppt in diesem beschissenen Land denn bitte keine Neurosen, Komplexe usw. mit sich herum? Wer kann wirklich am Ende seiner Jugend sagen, dass er/sie sich sein freies Wesen behalten hat, dass er/sie frei lieben und/oder sich hingeben kann?

Von den Menschen mit denen ich zum Beispiel die Schule besucht habe, haben sich zwei Leute im Suff totgefahren, von mindestens 10 Menschen weiß ich, dass sie vergewaltigt wurden, die dazu gehörigen Vergewaltiger kommen natürlich auch aus den selben Reihen. Einige sitzen wegen Körperverletzung im Knast, andere haben schon jetzt Partner_innen von denen sie täglich verdroschen werden. Eine Freundin von mir wurde vor einer Woche fast von ihrem Ex um die Ecke gebracht. Wie viele von meinen alten Bekannten sich täglich zulaufen lassen oder sich ständig irgendwelchen drittklassigen Stoff reinziehen will ich gar nicht wissen.

Was mich aber viel mehr mitgenommen hat, als die ganze beschissene Realität der mich umgebenden Gesellschaft, war die Erfahrung, dass Menschen die sich einen warmen Kern behalten haben, nicht mehr dazu fähig sind zu lieben, sich fallen zu lassen und sich in irgendeiner Form bei einer Person wohl zu fühlen.

Und ich selbst? Bin kein Deut besser. Angst vor Nähe, Angst vor der Welt, vor anderen Menschen. Dank 5 Jahren Hölle in einer nazidurchtränkten Drecksschule irgendwo in Sachsen ist von meinem Selbstwertgefühl nicht viel übrig geblieben, obwohl ich jeden verfluchten Tag daran arbeite. Ich mag mich meistens nicht sonderlich, von einer Liebe zu mir kann ich auf keinen Fall reden. Doch wie will Mensch, mit einem Körper, einer Psyche, einer „Seele“ die mensch nicht mag anderen Menschen Liebe geben? Ich rede hier nicht von ner Beziehung oder nemm Team, dafür muss mensch sich nur an Regeln halten und die Dailysoaps nachspielen, dafür sind die ja schließlich da: Damit kaputte Menschen sehen können wie eine Beziehung auszusehen hat. Ich rede aber davon sich wirklich auf eine_n Andere_n einzulassen, sich fallen und die emotionalen Kanäle offen zu lassen. Wie soll das bitte gehen wenn mensch das nicht mal mit sich selbst vermag?

Jede beschissene Tat lebt, so lange es die Menschheit gibt. Was fernöstliche Philosophie als Karma bezeichnet ist doch letztendlich nichts anderes als das Prinzip von der sich selbst erhaltenden Energie einer Tat. Wenn ich dir etwas destruktives zufüge, wirst du anderen Menschen destruktives zufügen, wenn ich dir etwas bereicherndes, schönes gebe, dann hast du mehr Kraft ähnliches weiter zu geben.

Der Grund meines Kampfes ist also eigentlich völlig einfach, ich will dass die Menschen wieder gut zu einander sind, dass die Scheiße irgendwann aufhört diese Welt zu überfluten. Ich will einer Gesellschaft einen Platz bieten, in der Menschen wieder die Kraft finden können gut zueinander und zu sich selbst zu sein. Und ich denke das sollte auch immer das Hauptziel einer anarchistischen Bewegung sein, wenn sie die Welt wirklich radikal verändern will. Niemanden zu beherrschen oder Gewalt gegen ihn/sie auszuüben sind nur die Werkzeuge um dies zu ermöglichen und zu bewahren.


6 Antworten auf „Du brauchst Gründe?“


  1. 1 Kalle 02. September 2009 um 7:44 Uhr

    Weniger Quatschen, mehr Machen!

    noch mal verständlich für popantifas, -anarchos und -antideutsche:

    Little less conversation, little more action!

  2. 2 W.M. 02. September 2009 um 11:10 Uhr

    Na danke das uns das mal wer gesagt hat, wären wir nie drauf gekommen ;)

  3. 3 S. Plicazione 02. September 2009 um 14:05 Uhr

    also du hättest ruhig noch die schlussfolgerung formulieren können, nämlich, dass du das alles nur aus egoistischen gründen tust.

    „Wenn ich dir etwas destruktives zufüge, wirst du anderen Menschen destruktives zufügen, wenn ich dir etwas bereicherndes, schönes gebe, dann hast du mehr Kraft ähnliches weiter zu geben.“

    abgesehen davon, dass destruktivität mitunter sehr bereichernd ist, bedeutet das doch nicht anderes, oder? ich will „gute menschen“ (au weia), weil ich will, dass sie zu mir gut sind und es mir gut geht.

  4. 4 W.M. 02. September 2009 um 14:56 Uhr

    Jede Handlung die ein Mensch vollführt ist „egoistisch“. So funktioniert nunmal unser Gehirn. Ich hatte nicht den Eindruck das extra schreiben zu müssen.

  5. 5 S. Plicazione 02. September 2009 um 16:06 Uhr

    ich finde es angebracht sowas zu nennen, weil viele meinen im „namen der freiheit“ oder anderer kuriositäten zu handeln und nicht etwa aus eigenem interesse.

    p.s.: in wirklichkeit hab ich das aber nur geschrieben, weil ich mich profilieren muss :D

  6. 6 hauptsicherung 14. September 2009 um 18:36 Uhr

    hey w.m., ich habe den blog bisher BENUTZT, um mich zu informieren . benutzt…jetzt versuche ich mal, die dinge zu verwirren. ich kenne dich nicht, aber ich nehme dich jetzt mal in den arm. die großen ziele,,,,und keine/r da,der einen in den arm nimmt!? und dann, was kommt dann???!!!die utopien, die keiner hören will. heute leben, wovon morgen keiner mehr träumt! der versuch, HEUTE anders zu leben, der ist echt anstrengend, wie der rest des lebens auch!vielleicht sollten wir uns heute noch treffen. wegen uns, wegen der revolution!ingo…….. ….. -… . . . ……

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