Eingesendet: Die HRK in Leipzig und die Proteste dagegen

In Leipzig haben am Dienstag zwischen 6000 und 10000 Menschen gegen die Hochschulrektorenkonferenz, der selbsternannten „Stimme der Hochschulen“ demonstriert, bei der erwartungsgemäß der Bologna-Prozess verteidigt wurde. Für eventuelle Probleme sind Länder und Lehrkräfte verantwortlich gemacht worden.

Gegen 13.00 sammelten sich die Studierenden und andere, zumeist junge Leute, nahe des Bahnhofs zur bundesweiten Demonstration, zu der Busse und Sonderzüge unter anderem aus Berlin, Dresden und Hildesheim anreisten. „Keine Stimme ohne uns“ hieß es zwar im Aufruf, doch den meisten versagte die Stimme und so mussten mangels verbalen Protests zwei Wagen mit Pop- und Trancemusik für einen hörbaren Geräuschpegel sorgen. Einzige Abwechslung bildete der halbherzige Versuch, die Pressekonferenz der HRK im neuen Rathaus zu stürmen, der von einer Polizeikette verhindert wurde, worauf kurz die Rathaustreppe blockiert wurde. Eine kleine Gruppe von 5 Personen schaffte es durch Seiteneingänge bis zur Pressekonferenz, trat aber dann doch wieder den Rückzug an, da offensichtlich der Zweck der Aktion von ihnen in Frage gestellt wurde. Am Zugang zur Konferenz konnte es nicht gelegen haben, denn der war, vom Haupteingang abgesehen, unbewacht und leicht zugänglich.

Die Demo wurde fortgeführt, die Pressekonferenz blieb unbehelligt. Am Simsonplatz ging durch eine lange Zwischenkundgebung, u.a. mit Beiträgen vom Aktionsbündnis gegen Studiengebühren und von ver.di, und einsetzenden Regen der Demo langsam die Puste aus, erste Auflösungserscheinungen wurden sichtbar, viele entfernten sich. Das letzte Drittel der Demo wurde dann relativ zügig zurückgelegt, in der Universitätsstraße fand eine Abschlusskundgebung statt. Dabei wurde auch von einem Vertreter der Schüler_innenschaft ein Beitrag zu Zulassungsbeschränkungen, der mit einer Kritik am Notensystem verbunden war, gehalten. Überraschend erhielt auch die trotzkistische „Partei für soziale Gleichheit“ ein Forum und durfte neben einem Stand am Auftaktort auch einen kurzen Beitrag zum Abschluss halten. So sehr es richtig ist, den Bologna-Prozess und die Entdemokratisierung der Hochschulen nur im Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktionsweise, die ihre eigenen bürgerlichen Ideale begraben muss, zu verstehen und kritisieren zu können, so falsch ist es, im selben Atemzug einer solch heterogenen Demonstrationen gleich die vermeintliche Lösung zu bieten, in der platt die sozialistische Revolution, unter der auch heute noch ca. 1000 verschiedene politische Wege definiert werden, beworben wird.

Im Gegensatz zur Demo ging es auf der Hochschulrektorenkonferenz nicht sonderlich heterogen zu. Die „Stimme der Hochschulen“ war sich mal wieder weitestgehend einig. Von den sechs zur Pressekonferenz anwesenden Konferenzteilnehmern, schienen allerdings nur Margret Wintermantel, die Vorsitzende der HRK und der Rektor der Universität Leipzig, Franz Häuser, etwas zu sagen zu haben. Die übrigen waren beschäftigt, in die Kameras zu lächeln. Wintermantel hatte jedoch kein Problem, die Ergebnisse der Tagung allein vorzutragen, wich Fragen mit inhaltsleeren Aussagen aus oder überging sie ganz. Bei aller Kritik müsse man schließlich die Arbeit der Hochschulen bei der Umsetzung der Bolognareform berücksichtigen, die ja für den Arbeitsmarkt qualifizieren solle, was wiederum viel Energie zur Konzeption der Studiengänge benötige, an Verbesserungen werde gearbeitet. Nach dieser herrlich unkonkreten Problemanalyse konnte kurz den Ländern noch etwas Schuld hinsichtlich der Finanzlage der Hochschulen zugeschoben werden, bevor dann Häuser mit dem Schwarzen-Peter-Spiel fortfahren durfte. Dass der Bolognaprozess nicht so wie geplant verlaufe, sei auch den Lehrkräften der Universitäten zuzuschreiben, die nicht bachelorgemäß lehren und ihre allgemeine Abneigung gegenüber Bachelor und Master an die Studierenden weitergeben. Ach so- nicht der Bologna-Prozess, mit dem die universitäre Bildung verschult und wirtschaftskompatibel gemacht wird, ist das Problem, sondern die alte Generation von Dozent_innen und Professor_innen, die sich einfach nicht in die so gut durchdachte Reform einfügen wollen. Die Ängste des Herrn Häuser sind dabei gut verständlich, schließlich dauert es noch eine ganze Weile, bis die nächste Generation Professor_innen, die selbst im Bachelor-Master-System studiert haben, die Lehrstühle übernimmt. Den Kern von Bologna und der Anstrengungen HRK verdeutlichte Margret Wintermantel: Die „Absolventen [sollen] nicht nur kritische, urteilsfähige Bürger [werden], sondern auf dem Arbeitsmarkt zurecht kommen. Angesichts des „sondern“ kann man sich das Wörtchen „nur“ getrost schenken, zumal bekannt ist, dass es für das eigene Fortkommen am Arbeitsmarkt hilfreich ist, wenn man die Kritik zuhause lässt. Trotzdem ist das eine klare Aussage Winters, wenn man bedenkt, dass sie sich vehement gegen das Argument der Verwirtschaftlichung der Hochschulen im Zuge der Hochschulreform wehrt. Die Zunahme der von Unternehmen gesponserten Lehrstühle und des immer stärker zum Tragen kommenden Ausbildungscharakters des Studiums unterstützen Wintermantels Anliegen, dass die Studierenden sich auf dem Arbeitsmarkt zurechtfinden. Natürlich hat Bildung im Kapitalismus zuerst die Funktion, Menschen in diesen einzubinden, die Hochschulen hatten dabei vor Bologna immerhin noch teilweise einen Nischencharakter, der jetzt völlig verloren geht. Der Bolognaprozess ist also eine gesamtgesellschaftliche Konsequenz, die von einer studentischen Minderheit kaum aufzuhalten ist. Wenn sie es trotzdem versuchen, hat die Chefin der HSK nicht viel dafür übrig, größtenteils wären die Proteste irrational und ohne Argumente, die Frage ob die HSK legitimiert sei, gehöre gleich gar nicht auf Hochschulebene- sprich: Im Austausch der Universitäten haben Studierende nichts zu melden. Überhaupt ist sie „emotional enttäuscht“ – schwere Worte von einer Psychologin. Am Ende gab es doch eine kleine Unstimmigkeit- ein Vertreter der Presse hatte das Gefühl, dass die Geisteswissenschaften am meisten Probleme mit der Hochschulreform haben und wollte wissen, ob es wirklich so sei. Winter antwortete erwartungsgemäß mit nein, während Häuser die Frage für Leipzig bejahen musste, was jedoch kein Grund sei, an den zu erwartenden Fortschritten zu zweifeln. Diese kleine Abweichung tat aber der ansonsten klaren Linie der HRK keinen Abbruch, Margret Wintermantel machte deutlich, wofür sie das Bundesverdienstkreuz bekommen hatte und Franz Häuser ist als Wirtschaftsjurist und Mitglied des Bremer Börsenrates eine Idealbesetzung für den Rektor_innenposten einer Universität und eine sichtliche Bereicherung der HRK. Da scheint es fast unnötig, zu erwähnen, dass sich die die Konferenz für die flächendeckende Einführung von Studiengebühren ausspricht. Die Stimme der Hochschulen eben.