Broschüre der Redical M

Macht Schule dumm?
In der aktuellen Debatte um den Bildungsstreik und der Kritik der Verhältnisse an den Universitäten, welcher sich auch die Jungle World in der letzten Ausgabe ausführlich widmete, wird meißt vergessen, dass nicht erst an der Uni ‚alles scheiße‘ wird.
Die Göttinger Gruppe Redical M hat eine interessante Broschüre zum Thema Pädagokik im Kapitalismus veröffentlicht um eine radikale Kritik an der Wurzel des Bildungssystems zu formulieren.

Im Grunde genommen besteht die Schrift aus Banalitäten, die jeder und jedem bei genauerem nachdenken schon klar sein könnten. Kinder sind auch nichts weiter als Humankapital und der Sinn von Erziehung dient zuallererst der Verwertbarkeit der Ware ‚Wissen‘ im weltweiten Kapitalismus.
Somit ist der Zweck von Erziehung und Wissenschaft die Aneignung von selektivem Wissen, welches eine Profitmaximierung für Betriebe versprechen soll.
Die Pädagogik ist demnach also nicht unabhängig vom kapitalistischen Verwertungssystem und die Durchsetzung und Instandhaltung der ökonomischen Machtinteressen ist vordergründig.
Es wird weiterhin eine Kritik an der ’68er Bewegung‘ formuliert, welche zwar die post-nationalsozialistische Gesellschaft verändern wollte und Autoritäten hinterfragt hatte, mit ihren Ideen jedoch keinen weitreichenden Systemwechsel hervorbringen konnte. Die Weltrevolution blieb wie wir wissen aus und stattdessen regenerierte sich der Kapitalismus mittels der ‚Verbesserungsvorschläge‘. Die vermeintlichen alternativen Arbeits- und Erziehungsvorstellungen von damals stellten sich als für das Kapital verwertbare Neuerungen heraus. Selbstbestimmte und flexible Arbeiter_innen sind im weltweiten ‚Hauen und Stechen‘ demnach in erster Linie selbstausbeuterische Arbeiter_innen.
Durch die Identifikation mit der Arbeit, welche der ‚Arbeitsentfremdung‘ entgegen wirken sollte, wird Ausbeutung einfach unsichtbar gemacht. Dieses Phänomen dürfte wohl auch in vielen ‚linken‘ Locations bekannt sein, in welchen völlig unterbezahlte Lohnarbeit geleistet wird. Die Identifikation und freiwillige Ausbeutung wird verkannt, weil es ja ‚unseren‘ Strukturen zu Gute kommt. Wenn also schon Lohnarbeit in ‚linken‘ Strukturen dann bitte auch fair bezahlte…
Die AG ‚Hitzefrei bei jedem Wetter‘ kommt nach der Feststellung, dass regressive wie progressive Pädagog_innen alle nur Unterordnung zum Ziel haben und eine ‚Chancengleichheit‘ nur mehr Vielfalt der Verlierer_innen des Konkurrenzkampfes bedeutet, schließlich zu dem Schluss, dass es in dieser Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung keine Freiheit geben kann.
Auch eine vermeintliche alternative wie beispielsweise Waldorfpädagogik ist neben der rassistischen Ideologie-Komponente systemimmanent und das Ziel bleibt die Reproduktion des Kapitals.
Als Fazit wird also konstatiert, dass Pädagogik die Voraussetzungen für das zurechtfinden im Herrschaftssystem des Kapitalismus schafft und immer im Interesse der Reproduktion der Ideologie des Warentausches und ganz sicher auch im Interesse der Nation als sinnstiftende und ‚einigende‘ Institution, steht.

Ist nun also innerhalb dieses Systems jegliche Pädagogik sinnlos? Kann in diesen Zuständen überhaupt etwas ‚verbessert‘ werden oder hilft nur noch die Revolution? Kann nicht auch schon im jetzt und hier ein Bewusstsein für die allgegenwärtigen Unterdrückungsmechanismen geschaffen werden und gerade mittels einer Erziehung zu kritischen, freiheitsliebenden Menschen eine Basis für eine Gesellschaftsveränderung geschaffen werden?
Alles Fragen die mir nach dem Lesen dieser Broschüre in den Sinn kamen.
Alles in Allem aber ein lohnenswerter Lesetipp.

Deutschlands wichtigste Ressource
– oder wie Kinder in einem
menschenverachtenden System erzogen werden
Flugbuch der
AG „Hitzefrei bei jedem Wetter“
in der redical M


17 Antworten auf „Broschüre der Redical M“


  1. 1 human 30. November 2009 um 0:00 Uhr

    Ist nun also innerhalb dieses Systems jegliche Pädagogik sinnlos?

    sinnlos ist der falsche begriff, weil sinn und zweck der pädagogik im kapitalismus vorhanden sind.

    Kann in diesen Zuständen überhaupt etwas ‚verbessert‘ werden oder hilft nur noch die Revolution?

    NA LOGO! ;)

    Kann nicht auch schon im jetzt und hier ein Bewusstsein für die allgegenwärtigen Unterdrückungsmechanismen geschaffen werden (…)?

    Ein Bewusstsein kann schon geschaffen werden. dabei stellt sich mir die frage, ob und wie die schüler_innen und studierenden einen zugang zu dem bewusstsein erhalten sollen. nicht, dass die broschüre der redical m sonderlich kompliziert wäre aber für menschen die sich selten bis garnit mit der thematik beschäftigen, wird es schon schwierig werden anknüpfungspunkte zu finden.

    „man muss die mechanismen erkennen, die die menschen so machen, dass sie solcher taten fähig werden, muss ihnen selbst diese mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, dass sie abermals so werden, indem man ein allgemeines bewusstsein sein jener mechanismen erweckt.“

    auch wenn adorno hier von auschwitz und dem authoritären charakter schreibt, ist dieses zitat passend. erst wenn in der schule wirklich von und über den kapitalismus gelehrt wird, kann überhaupt eine verbesserung der lebensumstände für alle geschaffen werden.

    letzten endes durchläufen die kids doch den bildungsapparat, um nach 10 oder 12 jahren als mündige bürger doch nur die fresse zu halten und zu konsumieren. so lässt sich der reader zusammenfassen, denke ich. dass die ag hitzefrei mit nur einem absatz ihre destruktive argumentation mit marx begründet halte ich für etwas schwach. ein methodisches oder didaktisches modell hab ich natürlich auch nicht in der tasche. doch dieser schluss soll wahrscheinlich fragen und kritik aufwerfen, damit die broschüre als diskussionsgrundlage dienen kann.

  2. 2 Kritik 30. November 2009 um 8:37 Uhr
  3. 3 heinrich.osbert 30. November 2009 um 14:47 Uhr

    Ich find die Broschüre ziemlich platt, nichtssagend und wenig hilfreich. Vor allem ist es einmal mehr typisch GSP (an deren Guru Huisken sich das ganze anlehnt), wo ziemlich an der Realität vorbei einfach so abgeleitet wird. X ist im Kapitalismus, damit ist X vom Kapitalismus durchsetzt und daher ist X doof. So in etwa sieht doch die komplette Begründung aus; das mag als Arbeitsgrundlage eine interessante und vielversprechende Ausgangsposition sein, aber gerade Bildung hat doch ein paar Facetten mehr. Nun, was ist denn mit der Idee, dass Schule Subjektivierungsinstanz ist, wo bleibt die Kritik an Erziehung an sich (die humans Beitrag verunmöglichen würde), wo bleibt Geschlecht. Sicherlich: Schule ist auch dazu da, für die Verwertung auszubilden. Das ist aber so banal, abstrakt und nichtssagend, dass es nur sehr allgemein weiterhilft. Auch die Kritk an der Waldorfschule (die im Ergebnis richtig ist), ist mir zu platt. Könnte mensch da nicht bei den spezifisch-vermittelten Lehrinhalten (Autoritätsgläubigkeit, „freie“ Entfaltung der Persönlichkeit als Zwang, alles zu machen, was mensch machen könnte, der Arbeitsethos etc.) ansetzen und schauen, warum Anthroposophie-Seminare bei Managern so beliebt sind und warum anthroposophische Betriebe bommen? Das wären fruchtbare Perspektiven! Rassismus, den Steiner zweifelsohne vertreten hat, ist da nur ein Nebeneffekt.

    Vgl. auch: http://emanzipationoderbarbarei.blogsport.de/2009/11/24/kein-hitzefrei-in-jedem-system/

    Tja, was ist das Gegenmodell? Ich denke hier im Kapitalismus ist wohl kaum eines zu bestimmen. Auch freiheitlichere Ansätze, das wurde ja oben im Bezug auf 68 nicht falsch diskutiert, neigen dazu rekuperiert zu werden. Insofern bleibt vielleicht auch nur auf die Schule bezogen: Freiräume schaffne, für eine möglichst gemütliche Schulzeit kämpfen, auch inhaltlich Freiräume zur Beschäftigung schaffen, etc.. Damit ist dann immer noch nicht besonders viel geschaffen. Aber es ist immerhin gemütlicher.

  4. 4 farfalla 30. November 2009 um 16:05 Uhr

    @ human:
    ich muss zugeben meine fragen waren nicht so einwandfrei formuliert ;)
    mir ging es darum, dass eine pädagogik, welche kinder zu frei denkenden (so gut das eben geht) und herrschaftskritischen menschen ‚erzieht‘, auch eine hoffnung des ’systemwechsels‘ in sich birgt.
    wenn diese gesellschaft beispielsweise in montesori lehreinrichtungen sozialisiert worden wäre, dann würde hier sicherlich einiges anders laufen…

    @heinrich:

    ja platt ist die broschüre und es fehlen etliche aspekte in ihr. aber als diskussionsgrundlage find ich sie schon nett ;)
    und immerhin geben sie am ende auch noch lesetipps…

  5. 5 heinrich.osbert 30. November 2009 um 17:49 Uhr

    Fall das Thema hier wen übrigens interessiert, die AG Meer diskutiert das gerade übrigens hier, momentan vor allem im Bezug auf die Uni, aber passt ja auch bei all den unkritischen Unibrennt-Buschfeuern.

  6. 6 human 30. November 2009 um 18:28 Uhr

    wo bleibt die Kritik an Erziehung an sich (die humans Beitrag verunmöglichen würde)

    :-?

    bitte weiter ausführen, falls lust auf disku vorhanden.

  7. 7 heinrich.osbert 30. November 2009 um 19:13 Uhr

    Mensch kanns ja schon philologisch aufziehen: Erziehung als „einen Menschen aus etwas heraus- und zu etwas erziehen“, dh gewaltsam formen. Das setzt einen Zögling und einen Erziehenden voraus, was ich scheiße finde, vor allem aber auch eine Richtung, in die erzogen werden soll, was ich noch beschissener finde.

    Die freie, autonome Auseinandersetzung mit der Umwelt im Zuge des Älterwerdens (um den Begriff Entwicklung zu umschiffen, der ja quasi naturalistisch suggeriert es gäbe etwas aus dem heraus mensch sich ent-wickeln könne und gewissermaßen wie ein Apfel reifen, ich sage das deshalb, weil das sozusagen die Umgebung des Begriffes Erziehung ist) ist dagegen etwas völlig Anderes. Erziehung zur Mündigkeit ist insofern ein Widerspruch, weil das so genannte Kind ihm vorgesetzten Normen folgen muss. Mein „Verunmöglichen“ war natürlich völlig unangemessen, ich wollte lediglich deine Skizze einer kritischen Erziehung o.Ä. kritisieren, dein Beitrag wäre natürlich immer noch möglich^^ War kurz nach dem Aufstehen ;-)

    Ist alles etwas allgemein, habe mich damit auch eher … intuitiv als ernsthaft beschäftigt, aber bei EoB gibt es einen interessanten Link, der die Position der Holzkamp’schen Kritischen Psychologie im Bezug auf „Erziehung“ skizziert (http://www.thur.de/philo/kp/erziehung.htm). Außerdem schadet es glaube ich nie, all diese Begriffe zurückzuweisen, die die reale Gewalt in Bildungsinstitutionen verschleiern.

  8. 8 human unterwegs 01. Dezember 2009 um 0:38 Uhr

    Erziehung als „einen Menschen aus etwas heraus- und zu etwas erziehen“, dh gewaltsam formen. Das setzt einen Zögling und einen Erziehenden voraus, was ich scheiße finde, vor allem aber auch eine Richtung, in die erzogen werden soll, was ich noch beschissener finde.

    was soll das denn?! du kannst doch nicht jegliche erziehung abschaffe wollen! auch in einer freien gesellschaft bedarf es der erziehung. wie sollte sonst garantiert werden, dass die nächsten generationen nicht wieder in alte verhaltensweisen zurückverfallen. ich will da mal nur verkürzt von neid doer gier sprechen.

    es ist bei weitem nicht so, dass kinder oder jugendliche nicht in in der lage wären, sich selbst in der welt zu orientieren, aber sie bedürfen definitiv auch einer direktiven „hand“, die sie „an der hand“ nimmt und durch die welt führt. verantwortung für gesellschaft oder umwelt fallen nunmal nicht vom himmel und kinder können sich das auch nicht (vollständig) selbst erschließen.

    Erziehung zur Mündigkeit ist insofern ein Widerspruch, weil das so genannte Kind ihm vorgesetzten Normen folgen muss.

    die antiauthoritäre masche kann nicht 100% greifen, zumindest nicht in der pädagogik. sry, aber da halte ich das libertäre bla für utopisch. es ist unabdingbar, dass in „eine richtung gezogen“ wird, nämlich in die mündigkeit, die fähigkeit kritik begründet äußern zu können und zur fähigkeit der selbstreflexion.

    es gäbe etwas aus dem heraus mensch sich ent-wickeln könne und gewissermaßen wie ein Apfel reifen

    hm… ich find den vergleich jetzt nich so gut. ein apfel reif von allein. kinder brauchen hilfe dazu. just my opinion.

  9. 9 heinrich.osbert 01. Dezember 2009 um 2:59 Uhr

    es gäbe etwas aus dem heraus mensch sich ent-wickeln könne und gewissermaßen wie ein Apfel reifen

    hm… ich find den vergleich jetzt nich so gut. ein apfel reif von allein. kinder brauchen hilfe dazu. just my opinion.

    Was ich sagen wollte: die Idee, es gebe etwas Natürliches („Reife“) eben zu dem der Mensch zu erziehen sei, sich entwickeln könne, ist völlig bescheuert. Daher der Vergleich mit dem Apfel: der reift tatsächlich. Aber Menschen „reifen“ nicht, jedenfalls nicht in diesem Sinne und nicht nennenswert nach ihren ersten Lebensjahren, auf die dieser Begriff aber selten angewandt wird. Öfter kommt er im Bezug auf Kinder/Jugendliche und Erwachsene (als „reife Menschen“) vor und meint eigentlich: Anpassung an die Welt der Lohnarbeit, mit Freud: „Realitätsprinzip“. Außerdem wird konkretes Verhalten bestimmten Altersstufen zugeordnet, was wirklich scheiße ist.

    sry, aber da halte ich das libertäre bla für utopisch

    Naja, ich kann mit dem Wort libertär auch wenig anfangen. Aber nützt ja nichts. Ist ja eine Sachfrage: warum sollte es nicht möglich sein, nicht zu erziehen? Das ist ja eine sehr bewusste Handlung! Das ist aber auch gar nicht die richtige Ebene. Richtiger wäre zu fragen, ob es möglich ist zur Mündigkeit zu erziehen oder nicht. Und richtiger wäre die Frage, ob es nicht hierarchiefreie Lernformen gibt. Denn Erziehen ist nicht gleich lernen — selbstverständlich fällt Kultur nicht vom Himmel und es spricht überhaupt nichts dagegen, Wichtiges (denn irgendwie muss eine Auswahl getroffen werden) zu vermitteln. Das ist aber nicht gleich Erziehung, sondern Vorstellen von Inhalten, von Wegen — der konkrete Weg wird dagegen jede_r selbst überlassen.

    Ich will überhaupt nicht verhindern, dass nach der Revolution geborene Generationen zurückfallen. Erstens glaube ich nicht, dass Revolution ein irgendwann zu erreichender Zustand ist. Revolution muss die tatsächliche Bewegung sein, die dagegn kämpft, dass der Mensch ein erniedrigtes Wesen (…) bleibt. Aber eben: Bewegung, nicht Zustand. Du kannst kein Ziel setzen, das wäre christlich ;-) . Zweitens beduetet das auch, sich eben nicht als unfehlbar zu setzen. Ich halte einen offenen Diskurs für sehr wichtig. Sonst gäbe es ja soetwas wie eine Post-Revolutions-Polizei, die erzieht, dass alle auf Linie bleiben — do you remember Stasi? Drittens finde ich es völlig falsch über das Andere, dass das zwar nicht als Zustand, aber als Wegbeschreibung, darstellt zu sprechen. Ist eben nicht möglich. Es ist ja eben das Andere und wir stecken mitten in diesem Jetzt. Viertens bedeutet erziehen nicht lernen. Das ist ein riesen Unterschied. Fünftens sehe ich nicht, dass Erziehung tatsächlich so wichtig ist für eine Gesellschaft. Neid und Gier würde ich doch eher als gesellschaftliche Übel auffassen. Sie sind doch kein Falschticken Einzelner, sondern haben reale Gründe. Es ist doch etwas individualistisch sie als Erziehungsfragen hinzustellen. Wo kein Eigenutm, da kein Neid und keine Gier. Ist doch klar.

  10. 10 farfalla 02. Dezember 2009 um 1:44 Uhr

    These nummer 1:

    Pädagogik und Autotomie widersprechen sich nicht.

    Erziehende können kinder im kritischen dialog und diskurs dinge beibringen, welche sie zu ‚guten‘ menschen werden lassen (können).
    solange dabei erzieher_innen und erziehende als gleichberechtigt angesehen werden und eben auch die bedürfnisse und der willen der erziehenden personen miteinbezogen werden (dialog) , kann ein mensch zu autonomie erzogen werden.

  11. 11 human 02. Dezember 2009 um 2:07 Uhr

    ähnlich wie du würde ich auch eher zur trotzkistischen revolutionstheorie tendieren, als einen festen zeitpunkt zu bestimmen zu wollen, an dem ein eine revolution passiert, passierte oder passieren wird. jedoch muss ich dich darauf hinweisen, dass ich durchaus christlich sozialisiert bin. ;-)
    zum zweiten:
    von unfehlbarkeit kann niemand sprechen, soviel ist, der konstruktivistischen erkenntnistheorie sei dank, sicher. sollte sich ein lehrer* als das ultimate begreifen und so unterrichten, so handelt es sich um schwarze pädagogik. die möchte nun wirklich keiner (selbst frau schavan nicht). „das denken vom kinder her“ sollte definitiv bestandteil eines perspektivwechsels der pädagogik sein und das erschließen von lerngegenständen im diskurs ebenso. soweit ich das mitbekommen ist diese lehrform aber auch schon anerkannt. (dazu empfehlenswert: habermas – diskursethik doch 1+1 ist eben nicht 24 sondern 2. genauso, wie die elbe in die nordsee mündet und nicht im kreis fließt. in solchen fällen ist und bleibt der lehrer nun mal direktiv, und das ist auch gut so. sicherlich ist dies eine andere kategorie von „lernen“.**
    also zum sozialen lernen. auch hier bedarf es einer leitenden hand, denn nicht alle kinder „spielene nur brav“ oder „malen kreativ ihre bildchen“. aoziales lernen ist ja auch ein prozess, welcher durch ausgebildete personen begleitet werden muss. natürlich keine gedankenpolizei a la 1984 oder StaSi. aber wie soll in einer welt ohne erziehung denn bspw. mit dissozialen verhaltensstörungen umgegangen werden, oder adhs oder, oder, oder? am besten lernen kinder sozialität bekanntlich in gruppen. dies zeigt sich besonders dann, wenn die heterogenität der gruppe aufgehoben wird und z.b. kinder verschiedenen alters mit einander umgehen oder behinderte und nichtbehinderte zusammengebracht werden. doch auch hierbei sind gezielte und professionelle pädagogische ansätze und anweisungen nötig um einen lern prozess in gang zu bringen und ihn beizubehalten.
    drittens verstehe ich nicht.
    zum vierten: wir hängen uns an begriffen auf. :-/ erziehen bedeutet auch lernen. na klar! erziehen heißt für nicht primär formales lernen oder benimmregeln sich einzuprägen. erziehung hat für dich den negativen beigeschmack von strafe? für mich steht das lob/die positive verstärkung im vordergrung. bei dem wort respekt stößt es dir wahrscheinlich auch auf, doch für mich ist das elementarer bestandteil von erziehung. der schüler hat respekt vor dem lehrer und der lehrer vor dem schüler (nur ein bsp.). durch vorbilder oder positive verstärkung ist lernen ebenfalls möglich.
    zum fünften:
    das ist eben nicht klar. da vertrete ich eben eine andere meinung, welche vielleicht aus meiner christlichen sozialisation entstammen (bevor dus mir wieder vorwirfst ;-) ).*** neid muss sich ja nicht nur auf eigentum beschränken. neid und gier sind mechanismen, die (so denke ich) jedem menschen innewohnen. du legst eigentum materialistisch aus, was die sach einfach macht. auf fähigkeiten oder begabungen kann mensch doch auch neidisch sein.

    ____________________________
    *) gerade kein bock auf gender.
    **) aber auch diese kategorie ist wichtig: um z.b. zu erläutern wie rassismus, sexismus, kapitalismus o.ä. entstehen (entstanden) und funktionieren. das sind nun mal größtenteils fakten, bei deren vermittlung (natürlich nicht per se) ein diskurs unnötig ist.
    ***) nein, natürlich rede ich nicht von erbsünde -.- eher von der unvollkommenheit des menschen.

  12. 12 human 02. Dezember 2009 um 2:11 Uhr

    achso:

    Außerdem wird konkretes Verhalten bestimmten Altersstufen zugeordnet, was wirklich scheiße ist.

    meinst du damit piaget, kohlberg und co.?

    und:

    wo ist eigentlich die nudel hin?

  13. 13 heinrich.osbert 02. Dezember 2009 um 3:05 Uhr

    hallo,

    a) ist ja kein spiel zu sagen: erziehung ist das und nicht das. wir müssen klare begriffe haben, um uns ordentlich über eine frage verständigen zu können. insofern finde ich ist erziehung als er-ziehen im klassischen sinne durchaus richtig verwendet. es hat nicht für mich irgendeinen geschmack, das ist keine frage meiner empfindung, sondern eine frage, wie das wort verwandt wird. erziehung heißt eben nicht, kinder machen zu lassen was sie wollen und mit bestimmten dingen einfach so in der lebenspraxis in berührung zu bringen.

    b) klar gibt es arten und weisen in denen kinder besser erzogen werden als andere. das kann auch im dialog zwischen den beiden parteien bestehen. ich sehe erstens nur nicht, warum menschen in eine position gelangen sollten (eben als erziehende), wo sie bedürfnisse anderer berücksichtigen müssen. und zweitens finde ich es fragwürdig, ob jemensch zur autonomie erzogen werden soll. soll ich jemenschen, der_dem ich fähigkeit zur autonomie unterstelle, tatsächlich dazu erziehen?

    c) im übrigen find ich auch den begriff autonomie unglücklich, selbstständigkeit wäre vielleicht besser — aber auch hier wieder schwierig, das von formen von selbstausbeutung und so abzugrenzen. vielleicht wäre nur eine skeptische erziehung inhaltlich sinnvoll, wenn auch fragwürdig bleibt, inwiefern das okay wäre, aber dazu siehe oben. und das ist vielleicht auch eine andere baustelle. grundfrage: gibt es ein richtiges leben im falschen? keine floskel, sondern grundfrage: inwiefern ist es überhaupt richtig, das hier konkret auszumalen, inwiefern totalitär und inwiefern erkenntnistheoretisch angemessen? schwierg. keine ahnung.

    d) die unterscheidung kind (damit meine ich keine kleinkinder, klar)/erwachsene_r finde ich ebenfalls fragwürdig. was ist der große unterschied? vor allem doch die stellung im bezug auf arbeit. ist diese unterteilung nicht völlig unfruchtbar für unsere perspektive? wie gesagt: kleinkinder sind nicht gemeint. es gibt keine art und weise wie ein kleinstkind autonom leben könnte. ich sehe aber keinen enormen unterschied zwischen einem vierzigjährigen und einer elfjährigen. was ich noch wichtiger finde: ich sehe keinen grund, warum darf der eine spielen, die andere arbeiten muss, warum der eine lila latzhosen mit kindlichen motiven tragen und cartoons gucken darf, während die andere im grauen anzug arbeitet und sich abends nur autor_innenkino reinzieht oder ihren fernseher rituell verbrennt. also die frage, ob alter nicht zuerst (nicht ausschließlich!) eine soziale normierung ist, meinte ich.

    e) finde ich es halt auch eine grundsätzlich fruchtbare perspektive zu sagen: das ist alles scheiße und gesellschaftlich konstruiert und dann zu gucken wie eigentlich genau?

    f) asoziales lernen ist doch ein sehr sonderbares wort… ich sehe überhaupt nicht, warum und in welchen fällen es eine „leitende hand“ benötigt. bestimmten menschen mit sogenannten verhaltensstörungen (über die eigentlich gesondert zu reden wäre, da sie ja auch spezifische in dieser gesellschaft vorkommende und von uns als teil dieser gesellschaft wahrgenommene so genannte verhaltensstörungen sind, deren störungshaftigkeit doch auf einer sehr zweifelhaften nämlich empirisch-statistischen grundlage beruhen und damit überhaupt nichts aussagen und über solche menschen mittels ihres syndroms zu reden finde ich auch schwierig — da gibt es zT gewaltige unterschiede, selbst bei sogenannten genetischen defekten! — tut mir leid, das thema ist mir wichtig, wenn auch schwierig und in linken diskursen völlig unterrepräsentiert) zu begegnen finde ich nicht schwierig, da brauchst du keine leitende hand, sondenr aufmerksamkeit und soziales vermögen. sonst wäre ja jede einrichtung mit auffälligen kindern gleich total autoritär. ja, kinder spielen nicht nur brav. ist auch gut so! ich sage ja auch nicht, dass es falsch ist, dort einzugreifen, wenn rosa franz würgt. ich sag ja auch was (im besten falle jedenfalls), wenn der mann im bus neben mir verprügelt wird. dort aber erzieherisch, als übergeordente person einzugreifen ist nicht notwendig. ich glaube du hast eine falsche alternative vor augen. die frage ist nicht: erziehung oder alleinlassen, sondern erziehen oder gemeinsam leben.

    g) „auf fähigkeiten oder begabungen kann mensch doch auch neidisch sein“, stimmt. hatte ich nicht auf dem kasten. bleibt die frage, ob das eine menschliche natur ist (was ich für fragwürdig halte), ob das nicht auch ein leistungsdenken im kapitalistischen sinne vorraussetzt (warum sollte ich neidisch sein, wenn eine besitmmte fähigkeit mir eben kein mehr an x gibt, ohne damit zu sagen, dass fähigkeiten notwendig in vorteile resultieren würden). definier ich das problem unangemessen weg, wenn ich sage: das wäre auch kein neid, sondern nur minderwertigkeitsgefühle im bezug auf die eigene leistung? die antwort befriedigt mich auch überhaupt nicht.

    ab in die bücher, ist glaub ich gewinnbringender als mein anriss :-) aber erst schlafen….

  14. 14 heinrich.osbert 02. Dezember 2009 um 3:11 Uhr

    … und vor allem, genau, im bezug auf g) die frage bleibt nach dem stellenwert und der möglichkeit von erziehung. ich wollte ja nicht ursachen für neid und gier allgemein diskutieren, sondern darauf verweisen, dass es vielleicht wichtigers gibt als erziehung. und das bestimmte „falsche“ verhaltensweisen ja durchaus ihren angemessenen grund haben und erziehung insofern ideologie wäre, da sie das einfach verschleiert…ich bin schlafen, verdammt.

  15. 15 farfalla 03. Dezember 2009 um 23:37 Uhr

    @heinrich.osbert
    sehr viele interessante gedanken.
    nachdem ich mich ein weinig mit dem begriff ‚erziehung‘ auseinandergesetzt habe muss ich dir recht geben, dass ‚erziehung‘ zu etwas immer eine gewisse hierarchie beeinhaltet. es gibt ein_e erziehende_n und eine_n zu erziehende_n. die art und weise der ‚erziehung kann zwar auf unterschiedlichstem wege, also von autoritärem gehorsamszwang bis hin zur relativ herrschaftsfreien interaktion miteiannder geschehen, aber immer erzieht die eine person die andere. können ‚kinder‘ auch ‚erwachsene‘ erziehen?
    die unterscheidung zwischen kindern und erwachsenen ist sicherlich auch problematisch denn wann ist mensch ‚erwachsen‘, welche verhaltensweisen gelten als kindlich usw.

    wenn wir mal von einer anzustrebenden herrschaftsfreien welt ausgehen, in der gesellschaftliche problme wie neid oder gier dank vergesellschaftlichung der produktionsmittel vorbei sind, dann gibt es ja immernoch die frage, wie ein mensch lernen soll.
    also wie können menschen mit mehr lebenserfahrung (‚erwachsene‘) ihr wissen vermitteln um ‚kinder‘ zu einer eigenständigen, ‚autonomen‘ lebensweise zu verhelfen. ‚autonom‘ meint in diesem sinne selbstständig denkend und handelnd und nicht etwa unabhängig von anderen. selbstverwirklichung, gleichheit (obwohl alle menschen so verschieden sind) und ein respektvoller, hierarchiefreier umgang miteinander sollten die vorraussetzungen für den lernprozess bilden.

  16. 16 heinrich.osbert 05. Dezember 2009 um 16:09 Uhr

    Weiß nicht, Kinder sind ja an sich wissbegierige Wesen, die Fragen stellen. Da brauche ich, glaube ich, keine bestimmte Formen für. Und im Gespräch mit dem Kind kann ja auch viel eingebracht werden, das eventuell das Interesse weckt. Ist ja nicht verboten zu interagieren und dabei den Horizont zu erweitern, wenn ich mich heute mit einem Freund unterhalte, bringt er mir ja auch etwas bei und ich stelle davon ausgehend an ihn, Bücker, das Internet oder so weiter Fragen.

    Im Übrigen denke ich, dass das sehr schwierig positiv zu beschreiben ist. Bestimmmt die Gesellschaft in der wir leben, dh Kapitalismus, Subjektivierungsprozesse, Geschlechterbinarität, nicht auch unsere Erkenntnismöglichkeiten? Insofern kann ich wohl kaum in dieser Gesellschaft fußend ausmalen, wie Lernen in der befreiten Gesellschaft (die ja das ganz Andere ist) aussehen würde. Einen Anriss (und ich bleibe dabei, schließlich ist diese Gesellschaft nicht über-determinierend, ich kann mich zumindest tendenziell aus ihr herauswinden — sonst wären solche Gespräche nicht möglich und damit muss es auch möglich sein, irgendetwas über diese Gesellschaft tendenziell Hinausgehendes hier zu schaffen) kann vielleicht ein tatsächlicher Freiraum geben, wo einfach gemeinsam gewerkelt wird, wenn was ansteht, sich über seine Bedürfnisse auseinandergesetzt und eine Atmosphäre herrsct (im Idealfall), in der auch die eigene psychische Verfasstheit und Verstricktheit in diese Gesellschaft untersucht werden kann, in diesem Freiraum könnten also auch „Kinder“ mitmischen. Das wäre, als Aufhebung von Lern- und Lebensort, durchaus auch ein wichtiger Punkt. Zu verschwurbelt? Ich bin müde…

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