Anarchie organisieren!

Dieser Text ist der Versuch verschiedene Probleme aktueller, anarchistischer Politik zu analysieren und Lösungsansätze zu skizzieren. Der Schwerpunkt liegt hier vor allem auf selbstverursachten Missständen, bzw. der eigenen Handlungsweise und weniger auf den generellen, gesellschaftlichen Umständen (diese werden m.M.n. in genug anderen Artikel hinreichend behandelt). Die meisten Themen werde ich nur kurz umreißen, da es sich hier eher um einen groben Einstieg in die Diskussion um eine regionale, wie überregionale Entwicklung der libertären Strömung handelt. Die einzelnen Aspekte würde ich dann gerne mit interessierten Menschen weiterentwickeln.

Das kleiner werdende Ghetto

Die Entwicklungen der libertären und autonomen Bewegungen auf dem Gebiet der BRD sind in den letzten Jahren von Defensivverhalten, Stagnation und Strukturverlusten gekennzeichnet. Jedes Jahr verliert die geschwächte Szene Häuser, Gruppen und weitere Infrastruktur. Im Gegenzug haben Umstände wie enorme Repressionswellen und die tiefgreifenden soziologischen Folgen eines sich beschleunigenden Kapitalismus, gepaart mit einer staatlichen Propaganda vom Ende der Geschichte dazu geführt, dass utopistische und kämpferische Strömungen immer weniger attraktiv für die durchschnittliche Bevölkerung wurden. Dazu kam, dass sich viele politische Menschen immer weiter in eine Szeneidentität und die dazu gehörigen Spaltereien verrannten und somit immer weniger Anbindung zur Realität von Menschen außerhalb der Szene (oder jenen mit anderem Stand der Diskussion) erhielten. Horst Stowasser spricht hier vom sogenannten Szene-„Ghetto“*. Mensch labelt sich, grenzt sich mit Alltag, Kleidung und Lebensstil ab, das ist erstmal nicht verkehrt, führt aber in nicht wenigen Fällen zu einem Schweigen und in letzter Konsequenz eben zu Unverständnis und gegenseitiger Hetze (was sich z.B. bei vielen antifaschistischen Protesten zeigt).

Autonomen Gruppen gelingt es hier zu Lande immer seltener soviel politischen Druck aufzubauen um politische Forderungen offensiv durchsetzen zu können. Zu leicht fällt es Medien und Parteien die fordernde Gruppe als weltfremde Spinner oder gewaltgeile Chaoten abzustempeln und sie damit ins Leere laufen zu lassen. Ein weiterer wichtiger Punkt, der zur derzeitigen Strukturschwäche geführt hat (und der sich in Dresden sehr gut nachvollziehen lässt) ist das intolerante und zu arrogante Handeln vieler Antifa-Gruppen gegenüber verschiedener Subkulturen, aus denen heute Nachwuchs für die politische Arbeit kommen müsste. So sank die Solidarität z.B. in der Gothic und Punk-Szene mit autonomen Gruppen durch deren selbstherrliches und unvermittelt militantes Auftreten, bei dem oft weder vorher noch nachher kommuniziert wird, gegen das Tragen von wirklich oder vermeintlich rechten Symbolen (so gab es z.B. Übergriffe nur wegen unpolitischen Anspielungen auf Götter/Göttinnen wie Odin und Freyr) sowie das Hören (z.T. nur angeblich) rechter Bands fast auf den Nullpunkt.. Dadurch leisten nicht nur weniger Menschen direkt Widerstand, vor allem die Gothic-Szene wird auch schneller von rechter Seite beeinflusst und dient so modernen Nazis immer öfter als Rekrutierungspotential.

Aus diesen und anderen Gründen ergibt sich der heutige Ist-Zustand in den Bewegungen im Raum der BRD. In den meisten Städten wird sich darum bemüht die Strukturen am Leben zu erhalten, vielleicht aller einem Monat eine Aktion auf die Reihe zu bekommen und sich an anderen Kampagnen zu beteiligen. In den Kleinstädten und Dörfern geht es vor allem in Sachsen oftmals nur noch um die reine Sicherheit des Lebens. In diesem Zusammenhang wird oft treffender Weise von Feuerwehrpolitik gesprochen und im Moment fehlen in den meisten Fällen sowohl Leute als auch Zeit um auch nur einen Teil der Brände wirksam bekämpfen zu können.

Durch die Kurzlebigkeit von Initiativen und Kampagnen kommt es dann auch, dass die wenigsten Kämpfe außerhalb des Szene-Gettos überhaupt wahrgenommen werden. Dafür bräuchte mensch eine gewisse Kontinuität und Kompetenz, die so nicht erreichbar ist, für die es zum Teil Jahre braucht.

Label Anarchie

Im Angesicht einer Wirtschaftskrise die sich in einem Maß auszuweiten scheint (auch wenn die Medien sie gerade ausblenden), das bis jetzt nicht vorhersehbar ist, angesichts härterer Lebensbedingungen, auch in den westlichen Ländern und einer globalen Politik die mehr und mehr an Eskalationspotential gewinnt scheint es allerdings nötiger als in den letzten 20 Jahren aktive Gegenstrukturen vorzuweisen und Alternativmodelle vermitteln zu können, sei es um den stärker werdenden Faschist_innen Europas etwas entgegen halten zu können oder sei es um der westlichen Gesellschaft deutlich zu machen, dass der heutige Kapitalismus nicht das bestmögliche und nicht das Ende der Geschichte ist.

Eine Frage die sich im Zusammenhang mit herrschaftskritischer Politik immer wieder stellt, ist die unter welchem Namen die so nötige Aufbauarbeit in Sachen Struktur und Jugendarbeit in Angriff genommen werden sollte und ob anarchistische Kooparationen/ Föderationen eine Antwort sein könnten.

Einige argumentierten, dass ein weiteres, in diesem Fall anarchistisches, „Label“ die Spaltung in der Szene noch verstärken könnte. Dem kann ich nur entgegenhalten, dass eine Benennung von politischen Sichtweisen und damit die bewusste Abgrenzung zu anderen Ansichten und Strömungen nicht gleich etwas spaltendes impliziert. Im wesentlichen geht es hier um Klarheit und nicht um Entzweiung. Das Problem liegt weniger in einer Klarstellung eines ungefähren politischen Konsenses den mensch mit anderen teilt sondern in der Gegenseitigen Toleranz, die eine „Linke“ leider zu großen Teilen verlernt hat. Das Problem liegt also nicht darin sich als Menschen mit ähnlichen Ansichten und ähnlichen Utopien zusammen zu finden und diesem Bindeglied dann einen Namen zu geben, sondern in der Intoleranz gegenüber anderen Einstellungen die in der „Linken“ leider mindestens genauso vertreten ist wie in konservativen Strömungen.

Ein zweiter Kritikpunkt der oft an der Bezeichnung von Gruppen und Projekten als anarchistisch angebracht wird und wurde, ist der, dass viele Mensch keine Lust haben sich selbst in eine Schublade stecken zu lassen, sie bezeichnen sich nicht gerne als etwas anderes als sich selbst. Alles andere stellt für sie einen Angriff auf ihre Individualität dar. Daraus folgt, dass ein Projekt welches sich als anarchistisch bezeichnet, Menschen ausschließen kann die sich nicht ebenso labeln wollen. Mir stellt sich hier jedoch die Frage, inwieweit die nachvollziehbare Grundintension dieser Menschen hier nicht zu einem bloßen Dogma verkommt, zum Lifestyleobjekt welches die eigene Individualität vor allem nach außen betonen soll. In einer Gesellschaft mit tausenden Utopien, politischen Richtungen und Lebensentwürfen, wird mensch um Namen seltenst herumkommen, will mensch die Verhältnisse ändern.

Schlussendlich drängt sich noch eine weitere Vermutung auf; anders als in Ländern wie Spanien, in denen die Ideen der Anarchie schon einmal breite Teile der Bevölkerung erfassen konnten, wird der Anarchismus in Deutschland von einem großen Teil der Gesellschaft nicht als ernsthafte politische Philosophie wahrgenommen. Das Wissen der meisten Menschen geht hier nicht wirklich über die Klischees von Mord und Totschlag hinaus. Trauriger Weise drängt sich auch in vielen AZs der Eindruck auf, dass die anarchistische Strömung für viele nicht mehr ist, als tote Bilder, Sagen von 1936 usw.

Für die Benutzung des Adjektivs „anarchistisch“ spricht allerdings immer noch vieles: Mit diesem Wort verbinden sich über 150 Jahre Geschichte, mit allen Höhen und Tiefen. Wir können an ihr nachvollziehen woher die libertäre Bewegung kam, wie sie sich entwickelt hat und wohin sie vielleicht gehen könnte. Mehr noch, mit dem Wort Anarchie – frei von Herrschaft – verbinden immer noch tausende auf der Welt ihre Hoffnungen, ihre Motivation sich weiterhin menschenverachtenden Systemen in den Weg zu stellen und die Freuden ihres Alltags. Wenn ich auch sicher nicht mit jedem und jeder gleichgesetzt werden möchte, der/die ihr politisches Weltbild ebenfalls als anarchistisch betrachtet, so finde ich doch im Zeichen des umkreisten As schneller Verbündete und Menschen mit denen ich kooperieren will als anderswo.

Schlussendlich ist Anarchismus mehr als ein Label, sondern ein Überbegriff für verschiedene Gesellschaftsentwürfe und Wege wie mensch zu diesen gelangen könnte. Vorallem drückt dieses Wort aus, was vermieden werden soll, nämlich neue Herrschaft.

Es macht für mich durchaus Sinn Projekte als anarchistisch zu kennzeichnen, da ich zum einen der Meinung bin, dass viele andere Richtungen revolutionärer Taktiken nur Scheitern oder zu neuen, menschenfeindlichen Verhältnissen führen können. Zum anderen bringe ich aber mit einer bewussten Labelung auch die Ideen von Anarchie wieder ins Gespräch, wenn meine Mitmenschen erstmal merken, dass ich kein Mord- und Totschlagtyp bin.

Mut zur Taktik

Was der geschwächten Bewegung darüber hinaus oft fehlt ist ein taktisches Verständnis. Wenn taktisch agiert wird, dann meist nur bezogen auf ein konkretes Ereignis oder eine Veranstaltung. Dabei könnte Mensch noch einiges an Potential ausschöpfen wenn mehr Wert auf Informationsauswertung, Analyse und übergreifendes Handeln gelegt werden würde.

Der gefährlichste Feind einer emanzipatorischen Bewegung ist immer noch der Staatsapparat und dessen Organe. Die Regierung und die Nutznießer eines Staates, egal ob dieser feudalistisch, kapitalistisch oder realsozialistisch aufgebaut ist, haben kein Interesse an einer freiheitlichen, gleichberechtigten Gesellschaft oder Entwicklungen die die vorhandenen Machtverhältnisse ins wanken bringen. Das feindliche System verfügt dabei über Ressourcen, Taktik, Propaganda und nicht zu letzt das Gewaltmonopol.

Aufgrund dieser Übermacht, muss die eigene Struktur bestmöglichst genutzt und Aktionen auch überregional aufeinander abgestimmt werden um weiterhin politischen Druck erzeugen und eine Dynamik entwickeln zu können. Da dies dezentral geschehen muss um Hierarchien zu vermeiden und möglichst schwer angreifbar zu sein, sollten Gruppen sich mehr noch als jetzt Fragen stellen wie:

Welche Ressourcen bestehen regional und überregional? Müssen wir etwas neu erkämpfen, anschaffen, gründen oder besteht das benötigte bereits? Viel Kraft geht bei Kämpfen verloren die eigentlich nicht zwingend notwendig sind und oft fehlt es Gruppen an Möglichkeiten, weil sie nicht wissen was schon an nutzbarer Struktur besteht. Mit einer Verminderung von Redundanz und einer höheren Auslastung von vorhandenem kann Zeit und Arbeit gespart werden. Außerdem besteht die Gefahr, dass unter Umständen mehr Häuser, Projekte usw. entstehen als gebraucht und betreut werden können und so gleich wieder verloren gehen. Daher ist der Gewinn an personeller stärke zum Teil nötiger als Strukturarbeit oder muss zumindest mit dieser einhergehen.

Weitere Fragen könnten sein: Welche Kämpfe die anderswo geführt werden stehen grad zu unseren in Verbindung? Wo kann mensch evtl. Anschluss finden und die Komplexität von Herrschafts- und Wirtschaftsmechanismen aufzeigen? Wie können wir vielleicht durch überregionale Zusammenarbeit mehr Kraft und ein anderes Bewusstsein entwickeln? Wie wirken sich die neusten Entwicklungen innerhalb und außerhalb der Szene auf den Charakter unserer nächsten Aktionen und die Wahl unserer Mittel aus.

Und nicht zuletzt: Welches Bild herrscht von einer autonomen Bewegung in den Köpfen der Menschen vor die uns umgeben und wie können wir sie ggf. motivieren uns kennen zu lernen und sich ein authentisches, eigenes Bild zu machen.

Reflexion, Vermittelbarkeit und Alltag

Wie das Scheitern verschiedenster Gruppen und Projekte in der Vergangenheit gezeigt hat, reicht es weiterhin nicht, nur einen Kampf gegen äußere Verhältnisse zu führen und dabei innere Missstände oder mangelnde Reflexion außer Acht zu lassen. Im Gegenteil ist es vermutlich eher so, dass inhaltliche Kritik, Diskussion und Weiterentwicklung innerhalb von Communitys und Zusammenhängen mindestens den selben Stellenwert für eine emanzipatorische Politik haben muss.

Quantitative Fortschritte bringen abseits von einzelnen Aktionen nichts, wenn nicht auch eine gewisse Qualität im politischen Diskurs und in der Umsetzung derselben im Alltag erreicht wird. Denn die reine Anzahl von Menschen kann nicht die eigene Selbstständigkeit in der Betreuung von Projekten oder den gewaltfreien Umgang miteinander ersetzen. Da der Anarchismus eine philosophische Strömung ist, die auf den eigenen Willen der Individuen zur Hierarchiefreiheit und Selbstbestimmung setzt, ist es nur mit persönlicher Weiterentwicklung möglich diese auch tatsächlich zu stärken.

Da diese Entwicklung in einem scharfen Widerspruch zu den gegenwärtigen gesellschaftlichen und ökonomischen Ansprüchen und Normen steht, braucht es einen sozialen Background der sie unterstützen und befruchten kann.

Es mag leicht sein anarchistische Argumentationslinien zu verteidigen und anderen Menschen diese schmackhaft zu machen. Das bedeutet aber für den Fortschritt hin zu einer emanzipatorischen Gesellschaft nüchtern betrachtet wenig. Die wirkliche Schwierigkeit und der wirkliche Erfolg besteht darin, die selbstgesteckten Ziele und Ideale im Zusammenleben und bei der Arbeit mit anderen Menschen umzusetzen. Doch genau darin liegt vielleicht auch der Schlüssel für das wirkliche Weiterkommen, weil es die Ideen der Anarchie erlebbar und greifbar macht, nicht nur für andere sondern auch für einen ganz persönlich.

Hier könnte dann auch ein Grundstein für die Vermittelbarkeit der eigenen ethischen und sozialen Vorstellungen gelegt werden; Statt „außenstehenden“ Menschen mit abstrakten, theoretischen Ausführungen entgegenzutreten, liefern die alltäglichen Erfolge und Probleme ein authentisches Bild welches nicht auf Überlegungen, sondern auf Erfahrungen gründet. Diese sind lebensnah, erlebbar und leicht nachvollziehbar für jede_n andere_n und bringen die Systemdiskussion damit auf eine völlig zwischenmenschliche Ebene.

Netzwerke, Föderationen, Gegenökonomie

Um utopistischen Lebensentwürfen eine politische und gesellschaftliche Relevanz zu verleihen, genügt weder eine Reaktionspolitik noch die Organisierung in Gruppen mit unklaren politischen Zielsetzungen über das konkrete Themengebiet hinaus. Es ist nötig, den sogenannten „Kulturanarchismus“ wieder in einen praktischen umzuwandeln und dabei auch die ökonomischen und sozialen Bedürfnisse miteinzubeziehen.

Ein Schlüssel könnte daher die Zusammenschließung von anarchistisch denkenden Menschen in städtischen bzw. regionalen Gruppen sein. Wenn diese Gruppen über eine gewisse Größe erreichen, was sich zum Beispiel durch Veranstaltungen und theoretische Kampagnen erreichen lässt, kann über die Bildung von Netzwerken nachgedacht werden.

Diese Netzwerke könnten zunächst politische Arbeitskreise beinhalten, so z.B. einen AK Antifa, einen AK Umwelt und so weiter. Das Netzwerk als solches wäre dann der Verbund von einzelnen politischen Gruppen den ein herrschaftskritischer Grundkonsens eint. Der Vorteil in solchen Netzwerken besteht gegenüber Einzelgruppen darin, dass ein höherer Wiedererkennungswert bei Aktionen und Publikationen besteht. Außerdem signalisiert das gemeinsame Netz einen gewissen Grad an Ernsthaftigkeit und Kontinuität. Durch die Gliederung von politischen Themenschwerpunkten fällt es zudem neuen Mitstreiter_innen leichter sich zu informieren und nach eigenem Wissen und Interesse einzubringen. Schließlich besteht ein struktureller Vorteil, weil sich die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur leichter organisieren lässt.

Wenn sich genug Menschen in einem solchen Netzwerk zusammenfinden, so besteht die Möglichkeit infrastrukturelle Arbeitsgruppen zu bilden und auf diese Weise zum Beispiel eigene Immobillien, Werkstätten, Medien, Fuhrparks, Finanzierungsmöglichkeiten usw. zu schaffen. Wenn sich dies leisten lässt, so wird vermutlich auch der Aufbau einer eigenen, evtl. umsonstökonomischen Produktion vorstellbar. Diese wiederum ist der Schlüssel zu einer ökonomischen Emanzipation, also dem Beginn von völlig legalen aber anarchistischen Warenkreisläufen.

Sollten mehrere, nicht zu weit entfernte Städte und Regionen diesen Organisationsgrad erreichen, so ist ein größerer Zulauf und eine Stärkung der anarchistischen Bewegung im weiteren Umkreis fast sicher, darüber hinaus wäre dies die Grundlage für reale Föderationen deren politische Bedeutung auch im Hinblick sich nicht leugnen ließe.

Hiermit beende ich meinen gedanklichen Ausflug und hoffe auf Anregungen und Kritik.

* Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto – Die anarchistische Bewegung und das Projekt A


18 Antworten auf „Anarchie organisieren!“


  1. 1 fromouterspace 04. Januar 2010 um 16:02 Uhr

    Um die Diskussion etwas in Gang zu bringen, greife ich hier mal zwei Themenbereiche auf.

    Thema Label/Individualismus:

    Egal welches Etikett ein Mensch sich aufklebt, es geht doch in erster Linie um Differenzierung (und nicht um Abgrenzung), um eine persönliche Standortbestimmung im positiven Sinne. Eine Labelung muß ja nicht prinzipiell andere Themenbereiche, bzw. den Austausch mit anderen Gruppen ausschließen. Es sei denn, ich trage stolz das Etikett „Ignorant“.

    Tatsächlich ist der von Dir angesprochene Individualismus eine zweifelhafte, zumindest aber ambivalente Erscheinung. Richtig losgetreten wurde der Individualismus in jüngerer Zeit meiner Meinung nach von der Punk/New Wave Bewegung. Aber im Gegensatz zu dem von Dir kritisierten Lifestyle-Individualismus ging es damals darum, sich Freiräume zu schaffen, um die eigene „persönliche Note“ ausleben zu können, dies als Ausdruck von Kreativität und Lebensfreude. Und vor allem von Offenheit und Toleranz.

    Was uns heute als „Individualismus“ begegnet ist eine kommerzialisierte und von der Werbung vereinnahmte Form des Begriffes. Individualismus ist zu etwas verkommen, das käuflich erworben werden kann (Klamotten, Musik, etc.). Der Individualismus selbst ist zu einem Label geworden, zu einer Schublade, und zu einer verdammt engen dazu!

    Es spricht doch auch nichts gegen ein Multilabeling. Das sollte doch grade den Individualisten entgegenkommen, die sich darüber definieren, dass sie „das und das“ und „so und so“ sind und nicht etwa darüber, dass sie nichts sind.

    Thema Mut zur Taktik

    (Wenn ich im Folgenden von „dem Normalbürger“(o.ä) schreibe und hierbei die weibliche Form ausblende ist dies durchaus Absicht, da es um Sichtweisen geht, die nicht geschlechtsspezifisch sondern gesellschaftlich geprägt sind.)

    Im Kontakt mit „dem Durchschnittsbürger“ habe ich über Jahre beobachtet und in persönlichen Gesprächen erfahren, dass diese die linksautonome Szene lediglich als einen Haufen von Krawallmachern wahrnehmen. Dies aber allein auf die Darstellung in den Medien durch Journalisten und Politiker zu reduzieren, halte ich für zu vereinfacht. Auch wenn dies ein nicht zu leugnender Einfluss ist, möchte ich zwei weitere Punkte zur Diskussion stellen.

    Zum einen wäre dies die Furcht der Menschen vor dem Anderen, vor dem Fremden.
    Es gibt Anthropologen, die behaupten, dies sei eine grundlegende Eigenschaft des Menschen, die dem Arterhalt bzw. dem Überleben der Gruppe dient(e). Andere wiederum führen ein solches Verhalten auf die Sozialisation zurück.
    Letztendlich ist es egal, welcher Denkrichtung der Vorzug gegeben wird, Fakt ist aber, dass diese Furcht vor dem Andersartigen genau den Nährboden bildet, in den Politiker und Medienvertreter ihre Saat der Intoleranz streuen.

    Zum zweiten wäre es das Auftreten der „Szene“ selbst, welches vom „Normalbürger“(i.F. NB) nicht allein aus vorgenannten Gründen als aggressiv und ablehnend, gar destruktiv empfunden wird.
    Z.B. habe ich der Vergangenheit die Beobachtung gemacht, dass einzelne (konkurrierende?) Gruppen „spektakuläre“ Aktionen machten, diese aber immer vor der „eigenen Haustür“ blieben. Es drängte sich mir der Eindruck auf, dass es weniger um eine überregional und öffentlichkeitsorientiert gedachte Aktion ging, als vielmehr um eine Profilierung in der regionalen Szene selbst. D.h. viele Aktionen (ob positiv oder anderswertig) bewegen sich eigentlich nur innerhalb der Szene und werden vom NB gar nicht oder zumindest nicht als politische Aktion wahrgenommen.
    Sind manche Aktionen durchaus geeigenet „politischen Druck“ auszuüben, können sie andererseits die Akzeptanz in der Bevölkerung verringern. Dies dann, wenn sie zum Selbstzweck werden und nur der eigenen Sinnstiftung dienen. Eine gelungene Öffentlichkeitsarbeit muss auch die Öffentlichkeit mit einbeziehen.

    Aus den drei Punkten Mediendarstellung, Furcht vor dem Andersartigen, Auftreten/Aktionen ergeben sich einige Überlegungen: Wie kann die Kritikfähigkeit gegenüber den Medien gestärkt werden? Wie kann dem NB vermittelt werden, dass es Parallelen und Überschneidungen zu seinem Leben gibt? Dass es nicht ein Kampf gegen ihn/sie, sondern für und mit ihm/ihr ist (oder sein könnte)?
    Mag auch die Akzeptanz utopistischer Bewegungen gesunken sein, daran, „dass die da Oben es schon richten werden“ glaubt doch auch keiner mehr!

  2. 2 heinrich.osbert 05. Januar 2010 um 13:08 Uhr

    Ist es nicht sinnvoller, statt von Labels (die so offen-zuschreibbar erscheinen) von Identitäten zu reden? Das macht mehrere elementare Unterschiede. Erstens können wir von einem Zwang zur Identität reden (angefangen beim Pass über den Lebenslauf bis hin zur Sprache: Du bist du), was das Labeln nicht mehr nur zu einer Sache von individuellen (Selbst-)Zuschreibungen macht, sondern politisiert. Zweitens ist das eine Verlagerung des politischen Kampffelds. Es geht nicht darum, das Bewusstsein zu ändern und naiv aufhören „sich zu labeln“, sondern bezogen auf den Freiraum (insbesondere psychische) Räume zu schaffen, in denen dieses Identitäre nicht mehr notwendig ist. Eine politische Antwort kann nur sein, den Diskurs zu stören und Identitätsprozesse: durch Absurdität, Kommunikationsguerilla, Genderfuck etwa, wobei auch hier aufgepasst werden muss, dass das nicht zur Identität wird. Drittens bleibt die Frage, was Identität, politische Verortung (rechts/links), Kommunikation im weitesten Sinne, etc. ist.

    Du sprichst das Andere an. Lässt sich das nicht auch aus dieser Perspektive verstehen? Das Andere als das Nicht-Identische. Im Übrigen finde ich diese Perspektive auch fruchtbar im Bezug auf das Hauptproblem jeglicher linker aupßerparlementarischer Politik: nicht der Nachwuchs fehlt, sondern die Leute hören einfach nach ein paar Jahren auf. Woran liegt das, wenn nicht daran, dass der Lifestyle sich ändert? Das ist mobilisierungstechnisch sozusagen für mich die Hauptfrage.

    Wichtig finde ich aber auch, dass autonome (!) Politik, die den Begriff ernst nimmt, sich nicht an medialen/öffentlichen Erfolgskriterien messen lässt. Müssten nicht auch Medien kritisiert werden? Heißt autonome Politik nicht auch politische Mittel danach auszurichten, inwiefern sie einen autonomen Menschen schaffen? Ich halte wenig von Agitation, wenig davon, die Leute zu belehren, was ein wenig durch den Ausgangstext schimmert. Die Politik-der-ersten-Person bedeutet für mich nicht zentral das Ablehnen von Repräsentiertheit (wiewohl das auch, zum Beispiel durch Medien — wir dürfen politisch, glaube ich, nicht die kulturelle Sphäre aus den Augen verlieren), sondern die Formulierung von eigenen Bedürfnissen als politische Forderung: Besetzungen um ein soziokulturelles Zentrum zu schaffen, ja, aber auhc, weil ich keinen Bock mehr habe allein in der S-Bahn schweigend zu sitzen, weil ich keinen Bock habe, Miete zu zahlen.

    Vor allem will ich aber auch den Begriff der Autonomie problematisieren. Der Zwang zur Autonomie, der heute in der Risikogesellschaft existiert, lässt die insofern unreflektiert-ungebrochene Verwendung dieses Begriffes antiquiert erscheinen.

    Wie kann eine autonmome Praxis also aussehen? Für mich bedeutet das vor allem theoretische Arbeit. Das Sich-Freischwimmen von der Ideologie, die Auseinandersetzung mit den eigenen Verstrickungen, die theoretische Arbeit, die ja eben auch die Bedingung der Möglichkeit von Emanzipation ist (eine unreflektierte politische Aktion ist jedenfalls nur ein Hinterherrennen). Allerdings ist das kein Aufruf, nur Schreibtischtäter_in zu sein. Ist nicht auch ziviler Ungehorsam theoretisch, insofern er die körperlich verfasste Seite denken lässt? Anders: gibt es nicht auch köperlich ideologische Verstrickungen? Gleichzeitig muss begleitend und reflektiert durch Theorie eine Praxis existieren, die versuchend-vorantastend ist. Es ist vielleicht weniger wichtig, was (Hausbetzungen) gemacht wird als wie (Wie gehe ich kritisch mit Raum um? Das ginge zum Beispiel auch in einem Kaufhaus und lässt sich auf mannigfaltige Weise durchführen), sofern es nicht Abwehrkämpfe (Asylpolitisch zB) sind: Umgang mit Gentrifizierung ist vielleicht das eine, das andere, was dieser schafft. Wir sehen ja beispielsweise an de Umwidmung/Kommodifizierung ehemals linker Projekte, dass sie bereits prinzipiell dazu in der Lage waren, umgewidmet zu werden, das heißt, sie eben die falsche Theorie-Praxis hatten.

    Insofern glaube ich auch, dass Du sehr, sehr große Themenbereiche angesprochen hast, die vielleicht konkret diskutiert werden müssten, weil mensch sich ansonsten in Floskeln verrennt. Also warum nicht ein offenes politisches Cafe (wie die AG Meer das zum Beispiel versucht) veranstalten, wo versucht wird, ein Thema zu finden mit dem mensch sich offen und kritisch für eine Weile beschäftigen kann? Das dauert sicherlich länger, aber auch die Nicht-Unterwerfung unter das „Wir müssen doch jetzt was machen!“ sehe ich als zentral für eine selbstbestimmte Politik. Das würde im Übrigen auch mobilsierend wirken. Damit werden vielleicht nicht die Massen erreicht, aber es is tja vielleicht auch nicht falsch, den Einzelnen anzusprechen und nicht die Masse.

    Das Konstrukt des „Normalbürgers“ finde ich übrigens nicht sonderlich gut. Wird damit nicht die eigentlich politische Ebene verlassen? Das Problem ist doch nicht, dass der Bürger Bürger und normal ist, sondern dass er bestimmte Einstellungen hat („links gleich rechts!“). Vor allem darf er (!) doch nicht das Kriterium für politische Aktionen sein. Die müssen sich, finde ich, nach eigenen Inhalten messen lassen.

  3. 3 fromouterspace 05. Januar 2010 um 22:29 Uhr

    @heinrich.osbert

    Zum Konstrukt des „Normalbürgers“ muß ich sagen, dass ich das selbst nicht gelungen finde. Wurde mir in dem Moment klar, als ich auf den „Senden“-Button gedrückt hatte. Tja, da konnt ich’s dann nicht mehr ändern.
    Ich brauchte halt einen Begriff, um einen Großteil der Bevölkerung „unter einen Hut“ zu bringen, analog zu dem Begriff „Linke Szene“.

    „Das Problem ist doch nicht, dass der Bürger Bürger und normal ist, sondern dass er bestimmte Einstellungen hat („links gleich rechts!“).“
    Sag ich doch: Sichtweisen!

    „Ist es nicht sinnvoller, statt von Labels (…) von Identitäten zu reden?“
    Ich denke: nein.
    Und zwar deshalb nicht, weil beide Begriffe nicht wesensgleich sind. Ein Label ist ein Etikett, dass eine begrenzte Anzahl von Eigenschaften nach Außen kommuniziert. Dagegen ist Identität die Gesamtheit aller Eigenschaften einer Person, die diese unverwechselbar machen. Im Gegensatz zu einem Label ist die Identität auch nicht austauschbar. Weiter kann ein Label sowohl von einer Einzelperson, wie auch von einer Gruppe „getragen“ werden. Die Einzelidentität läßt sich nicht auf eine Gruppe übertragen, ebensowenig wie sich die Gruppenidentität auf eine einzelne Person übertragen läßt.

    „(…) nicht der Nachwuchs fehlt, sondern die Leute hören einfach nach ein paar Jahren auf. Woran liegt das, wenn nicht daran, dass der Lifestyle sich ändert?“
    DAS ist ein interessantes Thema, aber es hat primär weniger mit einer Änderung des Lifestyles zu tun. Dazu schreib ich vielleicht später noch mal was.

    „Heißt autonome Politik nicht auch politische Mittel danach auszurichten, inwiefern sie einen autonomen Menschen schaffen? Ich halte wenig von Agitation, wenig davon, die Leute zu belehren (…)“
    Die Entscheidung, wie autonome Politik persönlich umgesetzt wird, sei jedem denkenden Wesen selbst überlassen. Wer aber für sich postuliert, ein revolutionäres Ziel über den eigenen Küchentisch hinaus zu verfolgen, wer eine breite Öffentlichkeit erreichen will, um diese zumindest für einzelne Themenbereiche zu sensibilisieren, diese Person/Gruppe muß sich auch den Vorwurf gefallen lassen, dass sie unter Umständen an der Zielgruppe vorbei agitiert.
    Das hat nichts damit zu tun, die eigene Autonomie aufzugeben oder sich anzupassen.

  4. 4 SteuerungAltEntfernen 05. Januar 2010 um 23:05 Uhr

    Insofern glaube ich auch, dass Du sehr, sehr große Themenbereiche angesprochen hast, die vielleicht konkret diskutiert werden müssten, weil mensch sich ansonsten in Floskeln verrennt. Also warum nicht ein offenes politisches Cafe (wie die AG Meer das zum Beispiel versucht) veranstalten, wo versucht wird, ein Thema zu finden mit dem mensch sich offen und kritisch für eine Weile beschäftigen kann? Das dauert sicherlich länger, aber auch die Nicht-Unterwerfung unter das „Wir müssen doch jetzt was machen!“ sehe ich als zentral für eine selbstbestimmte Politik. Das würde im Übrigen auch mobilsierend wirken. Damit werden vielleicht nicht die Massen erreicht, aber es is tja vielleicht auch nicht falsch, den Einzelnen anzusprechen und nicht die Masse.

    dazu:
    Ich denke schon das es einen sehr konkreten anlass gibt jetzt etwas zu tun und sich nicht in der theoretischen auseinanderseetzung mit einer anderen gesellschaftsordnung/nichtordnung zu verlieren.
    den während in einem offenen politischen caffe unseren fair trade caffee trinken leiden andere menschen akut unter unserer art zu leben zu konsumieren und zu denken(uns=istzustand der westlichen gesellschaftsortnung)
    caffeeschlürfend das theoretische nonplusultra abzuwarten hilft diesen menschen gar nicht.
    den das kann dauern.
    klar ist es wichtiger eine andere gesellschaft vorher theoretisch zudurchdenken und mensch sollte nie aufhören seine theorie und praxis kritisch zu reflektieren jedoch darf mensch nicht bei theorie stehen bleiben.
    der obrige artikel hingegen zeigt meiner meinug nach einen guten weg auf keine der beiden seiten zu vernachlässigen und doch gleichzeitig emanzipatorisch auf diese nicht hinnehmbare gesellschaft einzuwirken.
    wichtig ist mir dabei nur das solch förderationen von einzelnen projekten nicht in der eigenen erhaltung ertrinkt sondern immer aktiv nach außen und solidarisch nach innen wirken müssen.
    zum thema normalbürger:
    klar ist kein sonderlich guter begriff reicht aber um zu verdeutlkicchen worum es geht.
    zum thema medien und bild der „autonomen szene:
    klar hat nicht die presse das bild der autonomen szenen versaut.
    jedoch glaube ich das es darum in dem text nicht geht sondern darum wie mensch gerade diese presse nutzen kann um die gesellschaft zu verändern.
    den faktisch haben dieselben ein sehr großen einfluss auf die meinungsbildung.
    eine gute pressearbeit kann jedoch dazu führern das die gesellschaft alternative projekte auf großer ebene toleriert und dann durch deren anzahl und konkretes einwirken auf die individuen in dem umfeld des einzelnen projektes menschen zeigt das ein anderes leben möglich ist und eventuell eine bessere art miteinander zu leben ist

  5. 5 Anonymous 06. Januar 2010 um 1:14 Uhr

    „Ich denke schon das es einen sehr konkreten anlass gibt jetzt etwas zu tun und sich nicht in der theoretischen auseinanderseetzung mit einer anderen gesellschaftsordnung/nichtordnung zu verlieren.“(SteuerungAltEntfernen)

    Das ist z.B. einer der Gründe, warum Menschen der Linken Szene irgendwann den Rücken kehren: Es wird unheimlich viel diskutiert und sich über Begriffe und Formulierungen gestritten, dass das eigentliche Ziel, nämlich die Veränderung, völlig hinten runterfällt.
    Irgendwann bleibt dann nur noch Frustration…

  6. 6 fromouterspace 06. Januar 2010 um 1:47 Uhr

    (der anonymus war übrigens ich, wieder zu früh auf „Senden“ gedrückt. Ich lern’s noch! :o )

    Da hier ja schon konstatiert wurde, dass die Abwanderung der Älteren ein Problem darstellt, möchte ich um so mehr W.M. beipflichten, dass sich einige linke Gruppen ein Bärendienst erwiesen haben in Bezug auf potenziellen Nachwuchs:

    „(…) ist das intolerante und zu arrogante Handeln vieler Antifa-Gruppen gegenüber verschiedener Subkulturen, aus denen heute Nachwuchs für die politische Arbeit kommen müsste. So sank die Solidarität z.B. in der Gothic und Punk-Szene mit autonomen Gruppen durch deren selbstherrliches und unvermittelt militantes Auftreten (…)
    (W.M.)

    Und dies ist nicht nur in Hinblick auf Subkulturen zu beobachten. Auch auf Demos, die sich eigentlich nur aus dem Linken Spektrum zusammensetzen, stößt dieses „selbstherrliche[s] und unvermittelt militantes Auftreten“ nicht immer auf Begeisterung. Da fliegen dann schon mal Mollis in die eigenen Reihen, andere Demoteilnehmer_innen werden als lebender Schutzschild mißbraucht…

    Da haben wohl einige Grenzlinke das Gewaltmonopol gepachtet?!

    @heinrich.osbert

    „Heißt autonome Politik nicht auch politische Mittel danach auszurichten, inwiefern sie einen autonomen Menschen schaffen?“

    Meinst Du damit, sich selbst als autonomen Menschen zu erschaffen?
    Klingt dann ein bißchen wie die mit dem Gewaltmonopol.

  7. 7 fromouterspace 06. Januar 2010 um 9:47 Uhr

    Hallo Admins

    wo ist denn mein letztes Posting geblieben?!

  8. 8 heinrich.osbert 06. Januar 2010 um 10:26 Uhr

    Hi,

    SteuerungAltEntfernen (argh, immer diese wechselnden Pseudonomyme^^), ich gebe dir völlig recht, dass reine Theoriearbeit nicht ausreicht. Das habe ich ja auch explizit geschrieben. Wie aber willst Du über reinen Aktionismus hinaus politisch arbeiten, wenn Du einfach irgendwie reagierst? Gerade sich diesem Zwang zu entziehen halte ich für eine wichtige politische Grundlage. Überlegte Arbeit statt Reaktion. Es geht ja eben nicht darum, ein irgendwie fernes Idealwissen zu erreichen (dessen Existenz ich bezweifele), sondern sich theoeretisch-praktisch auf eigene Füße zu stellen. Sonst verhaftet mensch in der einen umgebenden Ideologie, ist sich seiner selbst nicht bewusst. Ist diese Theoriearbeit nicht eben auch Praxis? Zum einen, weil wir keine Parolen schreie, sondern uns kritisch als tätige Subjekte mit der Wirklichkeit auseinandersetzen und zum Anderen, weil sich Wirklichkeit und Theorie doch gar nicht trennen lassen. Das heißt eigentlich alles nur, sich und seine politische Arbeit ernstzunehmen und tatsächlich konsequent zu wirken. Insofern ist es mir auch völlig egal, ob Leuten dann die politische Arbeit nicht aktionistisch genug ist (Anonymous), ich denke schon, dass wir nicht nach Hippigkeits-Maßstäben unser Wriken gestalten sollten. Etwas unklar? Ich bin gerade aufgestanden.

    Fromouterspace, das Wort Identitäten zieht ja einen ganzen theoretischen Rattenschwanz nach sich. Es geht darum, dass das Mit-Dir-Selbst-Identisch-Sein in dieser Gesellschaft dir aufgezwungen wird (wie oben skizziert) und ich glaube, dass sich unter diesem Begriff (der in der Tat verschieden vom Label ist, deswegen würde ich ihn ja vorziehen, da er wie gesagt weg geht von der Annahme, das sei etwas Individuelles) sehr, sehr viel besser verstehen lässt, was passiert als unter Label. Ein Zitat Foucaults findet sich etwa hier (http://foucaultundco.blogspot.com/2008/09/michel-foucault-die-eigene-identitt.html) dazu, ansonsten mal googlen nach Identität und Foucault oder so. Ich habe mich mit dem Thema bisher auch nur implizit und oberflächlich auseinandergesetzt, finde aber schon daher den Begriff sehr fruchtbar. Das wäre zum Beispiel ein Thema, dem sich im politischen Cafe (bewusst in dieser Gemütlichkeit übrigens, weil ich finde, dass das auch schon Inhalt ist) gewidmet werden könnte, wo auch der direkte Bezug zur eigenen Lebensrealität und zur politischen Praxis klar wird: erstens kann mensch das an sich und der Gruppe sehen und diskutieren, zweitens macht das ein ganz neues politisches Kampffeld auf (vor allem im Bezug auf Kultur). Da wird deutlich, warum es vielleicht unschön (ich denke, es kommt darauf an, wie mensch diese theoretische Arbeit gestaltet, sie muss ja nicht so wie in der Schule/Uni, sondern kann ganz locker-gemütlich orientiert an einem Text stattfinden — auch das ist wieder Praxis im Übrigen, weil es bedeutet, sich den Leistungszwang, Statusdenken etc. zu entziehen) ist, das zu tun. Aber notwendig.

  9. 9 heinrich.osbert 06. Januar 2010 um 10:28 Uhr

    .. also, wie gesagt, das ist kein Gegensatz und kein Aufruf zum reinen Schreibtischtäter_innentum. Das eine begleitet das Andere, ich find die Aufteilung Theorie/Praxis wie vielleicht deutlich wird auch nicht sonderlich hilfreich.

  10. 10 heinrich.osbert 06. Januar 2010 um 10:36 Uhr

    Achso, den letzten Teil deines Postings hatte ich ganz übersehen, fromouterspace. Also erstens finde ich es schon wichtig, über Begriffe zu streiten. Das ist ja eben auch politisch. Genug dazu. Zweitens finde ich schon die Frage wichtig, wie tatsächlich emanzipatorische Politik gemacht werden kann, die viele Leute erreicht und gleichzeitig nicht zu „Empfänger_innen“ degradiert (nicht nur, weil das meine politischen Ziele konterkariert, sondern vor allem auch, weil das so eine Position des Ich-Weiß unterstellt). Selbstverständlich hast Du Recht, dass das ein Problem ist und darüber nachgedacht werden muss. Ich finde aber auch, dass mensch sich das nicht zu einfach machen darf und nur wegen der Erfolgsmöglichkeit (wäre die denn mit einer effektiven Medienstrategie oÄ gegeben? Hast du schon eimal ernsthaft mit ein paar Leuten diskutiert, die völlig außerhalb dieser Begriffswelt stehen? Du rennst gegen Wände! Auch, weil dort sehr wenig über das eigene politishce Denken nachgedacht wird.). Insofern wären interessante Aktionen vielleicht welche, die im weitesten Sinne eine „Bewusstseinskrise“ herbeiführen, das kann ja auch durchaus mit konkreten Kämpfen verbunden sein.

  11. 11 ecapsretuomorf 06. Januar 2010 um 14:54 Uhr

    und warum darf ich hier nicht mehr mitschreiben?
    was heißt den hier „dein beitrag muß noch moderiert werden“?!
    könnt moderat gesagt kotzen: der ganze text weg…

    fromouterspace

  12. 12 ecapsretuomorf 06. Januar 2010 um 17:27 Uhr

    @ heinrich.oisbert

    Foucaults Auffassung von Identität unterscheidet sich ja nicht grundlegend von meiner Definition. Nur dass Foucault die Kritik hinzufügt, dass die SELBSTWAHRNEHMUNG dieser Identität von wechselnden und situationsbezogenen Machtverhältnissen geprägt wird. Daraus folgert er, dass die Identität eher etwas ist, das den Menschen (bzw. dieser sich selbst) innerhalb bestimmter (oder auch unbestimmter) Machtverhältnisse einordnet. Wobei er den Machtbegriff selbst sehr weit faßt.

    Er spricht auch davon, dass Identität nicht etwas Statisches sei, vielmehr ständig im Wandel begriffen. Dies unterscheidet er in einen Wandel, der durch eine äußere Macht indirekt(!) beeinflußt wird, und in einen solchen, der durch den einzelnen Menschen aktiv durch Arbeit an sich selbst herbeigeführt werden kann:

    „… der Wille ein moralisches Subjekt zu sein, und die Suche nach einer Ethik der Existenz waren in der Antike in der Hauptsache das Bemühen, seine Freiheit zu behaupten und seinem eigenen Leben eine bestimmte Form zu geben, in der man sich anerkennen und von den anderen anerkannt werden konnte, und sogar die Nachwelt konnte sich daran ein Beispiel nehmen.“ (Foucault, Michel (2007): Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst. Frankfurt am Main: Suhrkamp.)

    Ehrlich gesagt verstehe ich Dein Ansinnen nicht so recht. (oder ist es nur Ironie, eine Provokation?) Dein Link verweist auf einen Text Foucaults mit dem Titel „An die eigene Identität gefesselt“.
    Macht’s mir irgendwie nicht schmackhafter!

    Zumal Du Dich auf jemanden berufst, der Deinem Ansinnen ausgesprochen entgegensteht:

    „Man verliert sich in seinem Leben… wenn man nach der Identität der Sache fragt. Dann ist die Sache „verpfuscht“, weil man sich auf Klassifikation einlässt. Es geht darum, etwas hervorzubringen, das zwischen den Ideen geschieht und das man nicht benennen kann. Man muss vielmehr ständig versuchen, ihm eine Farbe, eine Form, eine Intensität zu geben, die niemals sagt, was sie ist. Das ist Lebenskunst. Lebenskunst heißt, Psychologie zu töten und aus sich heraus wie auch zusammen mit anderen Individuen, Wesen, Beziehungen, Qualitäten hervorzubringen, die keinen Namen haben.“ (Foucault, Michel (2007): Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst. Frankfurt am Main: Suhrkamp.)

    Übrigens auch ein schöner Apell, sich mehr auf die Praxis zu konzentrieren.

  13. 13 renosterveld 07. Januar 2010 um 3:14 Uhr

    …nochmal was zum „LABEL ANARCHIE“…

    -sic! für mehr toleranz gegenüber dem anarchiebegriff!!

    Aus der – vom system ja durchaus gewünschten – immer stärkeren ausdifferenzierung einzelner subkultureller und/oder politischer strömungen ergibt sich doch zwangsläufig eine ausdünnung der

    politischen triebkraft, da sich der/die einzelne oder die einzelne poltische gruppe immer nur des rückhaltes in einer kleiner werdenden splittergruppe in einer eigentlich in dieselbe richtung

    tendierenden strömung wirklich gewiß sein kann.
    Und dies wird nur noch forciert durch eine szene, deren größte lust darin zu bestehen scheint, sich in haarspalterischen scheingefechten zu verlieren, an deren ende jedes kleine individuum stolz

    seine selbstkreierte egolabelcollage vor sich herträgt, die immer nur bedingt kompatibel mit anderen sein kann.

    Ich verbuche das mal eher unter dem label „Selbsterfahrung“ denn unter politischem engagement.

    …und das alles auch noch unter dem übergeordneten majorlabel der political correctness und der toleranz – dem system da voll auf den leim gegangen, ich lach mich tot…

    ich fände es daher durchaus sinnvoll und wünschenswert mal wieder ein paar oberbegriffe einzuführen, die als haltgebende klammern fungieren, und denen zugestanden wird, mehr als eine bedeutung oder interpretationsmöglichkeit zu beinhalten, ohne das zu beginn eines jeden gesprächs das eigene und das gemeinsame verständnis erstmal definiert werden müssen. Anarchie IST ein energetisch

    aufgeladener begriff, gerade weil er eine lange geschichte und verschiedene bedeutungsebenen hat, weil er mögliche freiheit genauso verspricht wie mögliches chaos oder verantwortung – man kann sich daran reiben und es wäre möglich(!) ihn auch in der außenwahrnehmung des „NB“s (nein, ich kritisier den fragwürdigen begriff jetzt mal nicht) positiv aufzuladen, wenn man darunter die im absatz „Netzwerke, Föderationen, Gegenökonomie“ skizzierten strukturen zusammenfaßt.

    @W.M. apropos struktur… es wär ja einfacher auf eine derart komplexe vorlage einzugehen, wenn die absätze durchnummeriert wären…

    Trotzdem halte ich die idee von kaffeeschlürfenden diskussionsrunden zu einzelnen philosophischen oder politischen themen für gut und wichtig – nur verwahre ich mich dagegen, das dann schon für

    politische aktivität zu halten – es sei denn man ordnet sich dem diktum des „alles ist politisch“ unter. Und Wenn man das tut, muß man in der folge auch eine

    größere toleranz gegenüber semianarchistischen alltagspraktiken walten lassen. Es gibt unendlich viele kleine nischen und minifreiräume, die sich auch solche menschen schaffen, die durchaus unter den obergriff des NB´s fallen und die sich ihrer subversiven alltagspraxis als politischem moment gar nicht bewußt sind, sich gegen dieses etikett sträuben würden oder von bekennenden anarchisten

    nicht akzeptiert werden würden. Wenn es gelänge, auf die vorgeschlagene art den begriff ANARCHIE positiv zu besetzen und vorzuleben, könnte er gerade in zeiten zunehmender ökonomischer

    unsicherheiten in denen sich die staatsmacht für wachsende teile der bevölkerung als hilflos bis repressiv outet an anziehungskraft gewinnen.

  14. 14 heinrich.osbert 07. Januar 2010 um 15:20 Uhr

    hallo,

    praxis:
    ich verstehe auch nicht so ganz, warum auf die kritik an der aufteilung in theorie/praxis so scharf reagiert wird und ihr selbst die forderung nach etwas „theorie“ irgendwie verstimmt aufnehmt. ich sage nirgends, dass mensch nur noch schreibtischtäter_in sein sollte, nur dass es vielleicht wichtig ist, wie etwas gemacht wird und das auch zu reflektieren; und es insofern eben auch geistige praxis, arbeit im feld der kultur gibt — eben theorie. und auch praxis eine art von theorie (insofern als sie auch einen bestimmten blick emröglicht) ist (zum beispiel die konfrontation mit der eigenen köperlichen verfasstheit: warum sagen wir nicht laut was, wenn ein_e kontrolleur_in im bus steht und verhelfen os den schwarzfahrer_innen rauszukommen? oder positiv: sich einfach mal auf die straße zu setzen im kontext zivilen ungehorsams lässt sich kaum theoretisch erfahren). das ist alles etwas wirr und ein vortastender versuch ein mehr gefühlt als gedachtes problem zu beschreiben und es gibt zu diesem problem auch allerlei schriften, denen mensch sich auch in so einem zusammmenhang widmen könnte.

    identität:
    ich verstehe foucault ein bisschen anders und das „an die eigene identität gefesselt“-sein wie folgt. identität ist etwas wie zum beispiel homosexualität. eine bestimmte verhaltensweise/ansicht/eigenschaft wird zur identität, statt „nur“ die tatsächliche praxis (gelegentlicher gleichgeschlechtlicher geschlechtsverkehr) zu betonen, bei homosexualität hat das ja krasse auswirkungen: von angeblich einer bestimmten kultur, über moralische probleme („bin ich homosexuell oder heterosexuell? oh gott“, statt halt einfach so zu vögeln, wie mensch lustig ist) und daran anschließende ausgrenzungen. wie gesagt, habe ich mich mit dem thema auch nur ansatzweise und im bezug auf sexualität beschäftigt. und wie gesagt, fäönde ich ein offline-gespräch dazu viel gewinnbringender, insbesondere eines, das einen konsistenten text zur grundlage hat. das problem ist ja auhc bei foucault, dass er ganz verschiedene schaffensperioden hatte und sich sehr unterschiedlich verstehen lässt. ich finde nicht, dass wir die diskussion hier sinnvoll weiter führen können. foucaults letztes zitat das du bringst könnte ja auch in diesem zusammenhang verstanden werden, dass politisch eben auch ist, das eigene tun (die eigenen beziehungen,…) zu reflektieren und etwas anderes dagegenzusetzen – warum das unbedingt praxis im klassischen sinne sein soll, verstehe ich nicht. wie bringe ich denn andere lebensweisen und beziehungen hervor? das ist der springende punkt, wo vielleicht die theorie/praxis-trennung nicht nützlich ist. ob wir versuchen uns anders zu verhalten bzuw. das zu reflektieren bei einer aktion oder beim gemeinsamen lesen eines textes, ich sehe da keinen maßgeblichen unterschied.

    alles ist politisch:
    selbstverständlch! und das ist, im bezug auf das vorhergegangene, mE auch zentral. das heißt aber nicht, dass alles gut ist. es gibt ja, trivalerweise, auch dinge, die ich politisch eher zweifelhaft finde. insofern finde ich die rede von „semianarchistischen alltagspraktiken“ relativ interessant, wobei soetwas natürlich auch die gefahr in sich birgt, jemenschen etwas schlicht zuzuschreiben.

    ich weiß nicht, irgendwie kann ich wenig mit dem diskurs um das label anarchie anfangen, weil ich den sinn nicht so recht sehe. ich mache poliitk, die wird dann entweder begrüßt und leute mache mit oder nicht. das muss ich nicht über den begriff (ist label nicht auch so ein blödes nichtwort, desesn bedeutung mal hier mal da schwankt, je nachdem wie es gerade passt?) anarchie machen, sofern es nicht inhaltlich geboten ist.

    … so mal sehen, die diskussion ist etwas ausgelaugt, finde ich.

    heute abend ist um 18.30. im POT81 übrigens eine diskussionsrunde zum thema räume, auch im bezug auf freiräume. (text und mehr: http://agmeer.blogsport.de/2010/01/06/die-anderen-raeume/)

  15. 15 fromouterspace 08. Januar 2010 um 23:13 Uhr

    @heinrich.osbert

    „ich weiß nicht, irgendwie kann ich wenig mit dem diskurs um das label anarchie anfangen, weil ich den sinn nicht so recht sehe. ich mache poliitk, die wird dann entweder begrüßt und leute mache mit oder nicht. das muss ich nicht über den begriff (ist label nicht auch so ein blödes nichtwort, desesn bedeutung mal hier mal da schwankt, je nachdem wie es gerade passt?) anarchie machen, sofern es nicht inhaltlich geboten ist.“

    Das sehe ich im Prinzip auch so. Problematisch wird dieser Standpunkt ja auch erst dann, wenn er in einer weiteren Schublade endet, oder, wie renosterveld es nennt:

    „(…)jedes kleine individuum stolz seine selbstkreierte egolabelcollage vor sich herträgt, die immer nur bedingt kompatibel mit anderen sein kann.“

    Darauf hatte ja bereits W.M. im Eingangspost hingewiesen:

    „Ein zweiter Kritikpunkt der oft an der Bezeichnung von Gruppen und Projekten als anarchistisch angebracht wird und wurde, ist der, dass viele Mensch keine Lust haben sich selbst in eine Schublade stecken zu lassen, sie bezeichnen sich nicht gerne als etwas anderes als sich selbst. Alles andere stellt für sie einen Angriff auf ihre Individualität dar. Daraus folgt, dass ein Projekt welches sich als anarchistisch bezeichnet, Menschen ausschließen kann die sich nicht ebenso labeln wollen.“

    Im Gegensatz zu W.M. würde ich aber tatsächlich von einer Selbstausgrenzung sprechen.

    „Schlussendlich ist Anarchismus mehr als ein Label, sondern ein Überbegriff für verschiedene Gesellschaftsentwürfe und Wege wie mensch zu diesen gelangen könnte.“ (W.M.)

    „ich fände es daher durchaus sinnvoll und wünschenswert mal wieder ein paar oberbegriffe einzuführen, die als haltgebende klammern fungieren, und denen zugestanden wird, mehr als eine bedeutung oder interpretationsmöglichkeit zu beinhalten (…).“ (renosterveld)

    Wenn mensch es so wie in diesen beiden Zitaten versteht, d.h. Anarchie als Überbegriff, als haltgebende Klammer sieht und sowohl diesem Oberbegriff als auch sich selbst eine gewisse Flexibilität zugesteht, kann mensch sich mE die ganze Labeldiskussion eigentlich schenken.

    „… so mal sehen, die diskussion ist etwas ausgelaugt, finde ich.“

    Wenn Du das so meinst, dass sie wenig zielführend ist, gebe ich Dir recht.
    Das ist genau der Punkt, den ich an „linker Theoriearbeit“ kritisiere: Es ist zwar ein richtiger und wichtiger Ansatz, dass alles politisch ist aber nicht alles ist gleichwichtig. Sonst wäre es willkürlich.
    Renosterveld unterscheidet da ganz treffend zwischen Selbsterfahrung und politischen Engagement.
    Wenn ein Mensch durch kritische Reflexion versucht sich selbst in dieser Welt zu verorten, so ist dies lediglich die Voraussetzung für politische Arbeit.
    Gut, eine kategorische Trennung ist nicht immer möglich oder sinnvoll, aber mensch muß sich doch auch mal fragen, warum seit den 68ern in der“ Linken Szene“ immer wieder auf’s Neue die gleichen Diskussionen geführt werden.
    Ein Punkt hierbei ist sicherlich die bereits von W.M. konstatierte mangelnde Kontinuität und die daraus resultierende Frage, wo eigentlich die Älteren bleiben.
    Ein weiterer Punkt ist der, dass die „Selbstverortung“ für viele darin zu bestehen scheint, einen fixen und zu allen Seiten hin abgegrenzten Standpunkt einzunehmen.
    Es erscheint mir geradezu als ein Dogma der „Linken Szene“, dass, bevor mensch etwas tut, dieses genauestens ausdiskutiert werden müsse. Da prallen dann diese Standpunkte aufeinander und letztendlich wird nur noch über diese Standpunkte diskutiert aber nicht mehr um die Sache selbst.

    Seien wir mal ehrlich, auch unsere Diskussion, ob ein Label sinnvoll sei, ist doch von der Kernfrage abgekommen. Wir stellen unsere Interpretationen von Foucault gegeneinander, picken uns Zitate heraus, wie sie uns in den Kram passen…Das könnten wir unendlich weiter führen.

    Ich suche zum Thema Theorie/Praxis seit einer Woche ein Zitat, dass ich leider nicht wiederfinde. Es war die Beschreibung von der Übernahme einer russischen Fabrik durch die Arbeiter. Konkret ging es darum, dass die Arbeiter_innen diese Aufgabe bewältigten, ohne jegliches theoretische Wissen von Selbstverwaltung und ohne darüber vorab diskutieren zu müssen. Sie haben es einfach GETAN und in einem Prozeß (learning by doing) haben sie mehr auf die Reihe gekriegt als die Kooperativen, die sich in Grundsatzdiskussionen verrannt hatten.

    Es ist ja nicht so, dass ich theoretischen Auseinandersetzungen grundsätzlich ablehnend gegenüberstehe, im Gegenteil. Aber diese dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Grad gestern hörte ich die Äußerung, dass ein Freiraum auch darin bestehen könne, dass mensch in einer Gruppe nicht die Angst haben müsse, durch eine Äußerung als „dumm“ dazustehen. Und „dumm“ wird leider oft (unausgesprochen) darüber definiert, dass keine rationalen Gründe angeführt werden können, die mit Zitaten berühmter Denker_innen belegt werden können.

    Was ich damit sagen will: ich bin durchaus beeindruckt davon, welch umfangreiches theoretische Wissen sich der eine oder die andere anliest. Aber wenn es nur bei einer Wissensanhäufung bleibt, die lediglich dazu dient, den eigenen(?) Standpunkt zu untermauern, ist mir das zu wenig.
    Sicher macht es Spaß, sich im Disput zu üben.
    Aber eine zielführende Diskussion ist ja nicht eine solche, in der ich versuche, mein Gegenüber mit (Fremd-)Argumenten niederzureden. Ist nicht sogar die Artikulation eines Gefühls wichtiger und ehrlicher, als das Zitieren von „soundso hat geschrieben“ und der „XY-ismus besagt, dass“?
    Und ist es nicht gerade die Praxis, die es uns ermöglicht, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was richtig und was falsch ist?

  16. 16 heinrich.osbert 09. Januar 2010 um 15:09 Uhr

    Hallo,

    ich finde deinen Beitrag richtig gut und anregend, weil ich daran anschließen kann und glaube, dass unsere Ansichten vielleicht auch gar nicht so weit auseinander liegen, im Folgenden will ich mich mal voran tasten. Und wie gesagt: das spiegelt auch eher einen Meinungsbildungsprozess wider als eine Meinung,

    Ganz wichtig finde ich diese Problematik, dass Leute sich dumm fühlen (hab ich ja auch gestern angesprochen ;-) ), wenn sie Theoriearbeit (doofes Wort, aber seis drum) machen. Das meinte ich auch oben: Politik darf nicht von Selbsterfahrung getrennt werden, sondern im Gegenteil muss das Ich, sein Leben und seine Verfasstheit zurück in den politischen Diskurs.

    Zum einen im Bezug auf unsere Forderungen. Ich sehe nicht, warum wir immer nur ein soziokulturelles Zentrum fordern, statt auch außerhalb der Parolen zu sagen: ich habe keinen Bock Miete zu zahlen. Holen wir damit nicht selbst die Unterdrückung des Lebens (die Art und Weise, wie ich lebe) zugunsten der vermeintlichen Politik (des „Gemeinwohls“) nach? Das heißt aber zum Anderen auch, dass politische Arbeit, insbesondere theoretische, eine Art anti-psychologische psychologische Funktion übernehmen kann. Statt in Therapie zu gehen und dort als Individuum, Subjekt behandelt zu werden (mensch vergleiche nur Sleater-Kinney, Call the doctor), sollte eine politische Gruppe eben sich auch als gemeinschaftliche Ich-Werkstatt (ich weiß, dass das gefährlich-grenzwertig ist, aber wichtig) betrachten und sozusagen das gemeinschaftliche Werden der Analyse des Seins der Psychologie gegenüberstellen. Konkret sind wir wieder bei der von dir angebrachten Problematik, dass Leute sich dumm fühlen, wenn sie theoretisch arbeiten und andere, „bessere“ dabei sind. Ist das zu verschwurbelt? In diesem Sinne würde ich theoretische Arbeit auch als Ich-und-Beziehungswerkstatt auffassen, wo ich mich und mein Verhältnis zu ihnen reflektieren kann. Politische Arbeit ein Bisschen so wie ein früher Blumfeld-Song ;-) . So will ich jedenfalls das aufgreifen, was du als „Fremdargument“ oder „Zitieren“ kritisiert hast und hoffe, dass das auch außerhalb meines Kopfes Sinn ergibt.

    In dem Zusammenhang sind dann auch Ismen wichtig, weil sie Kampffelder aufmachen. Der Begriff „Lookism“ beispielsweise ermöglicht es doch, mit einer bestimmten Perspektive auf das (auch linke!) Problem zu schauen, dass Leute nach ihrem Aussehen beurteilt werden. Theoriearbeit also nicht, um das Abstrakte einfach so aus Selbstzweck festzustellen (Nicht: „wow, ich hab shcon wieder zwölf Ismen erfunden“), sondern eine Reflexionsmöglichkeit für ansonsten einfach Hingenommens oder Verdrängtes (Psychologie) zu bieten (Sondern: „Irgendwie gefällt es mir nicht, dass ich so komisch angeschaut werden, weil ich keinen schnieken Haarschnitt habe oder gelbe Zähne oder so, wie könnte das politisch beschrieben werden, um erst einmal einen Be-Griff zu haben, damit das Problem angefasst und verändert werden kann, auch unter Berücksichtigung der eigenen Verstricktheit in solche Strukturen?“). Hier spielt auch das rein, was ich unter körperliche Theoriearbeit oder so oben angerissen habe: wenn ich das erste Mal eine Sitzblockade mit hunderten Leuten mache oder so, ist das auch durchaus eine Erkenntnis, eben so wie wenn ich bermerke, wei unterschiedlich ich mich in der politischen Gruppe und Alleine in Krisensituationen (ganz ungefährlich zum Beispiel die Fahrkartenkontrolle) verhalte, wo eben auch eine körperliche Verfasstheit, ein Körpergedächtnis eine Rolle spielt. Das muss auch refletkiert werden!

    In diesem Sinne ist für mich die Leitfrage jeder theoretischen Arbeit „Wie können wir gut leben?“ Oben habe ich Wert aufs „Ich“ gelegt. Marx hat in diesem Sinne sehr schön gesagt: „Die Kritik ist keine Leidenschaft des Kopfes, sie ist der Kopf der Leidenschaft.“. Und wenn ich feststelle, dass es bestimmte Strukturen gibt, die bestimmt verwaltet werden, bestimmte Zwänge (und ja, hier spielt das Gefühl, vielleicht besser: die Intuition oder das (gesellschaftlich) Unbewusste eine große Rolle am Eingang der Fragestellung), muss ich eben auch fragen: Was ist denn der Staat? Intution/… ist ein guter Anfangspunkt, aber sie muss eben reflektiert werden. Ich glaube nicht, dass es gut ist, bei der ACAB-Analyse stehen zu bleiben, weil mensch das halt fühlt. Das kann zweierlich katastrophle Auswirkungen haben, erstens wie bei den Grünen, wo die Einbindungskraft der Institutionen unterschätzt worden ist und die heute im Vergleich zu vor 20 Jahren völlig unerkennbar sind. Zweitens aber auch im Mob, im Antisemitmus, wo beim letzteren ein diffuser Antikapitalismus auf eine Gruppe projiziert wird, statt zu reflektieren, was wirklich los ist. Daneben sind unsere Gefühle ja aber auch etwas Gewordenes, das heißt sind selbst in die Strukturen verstrickt. In diesem Sinne müssten wir also auch uns selbst reflektieren (siehe den Abschnitt über die Ich-Werkstatt oben). Wir müssen also dieses gräßliche „Das ist!“ gegenüber einem Perspektive des Gewordenen und Werdens auflösen.

    Das heißt für mich, dass Theorie und Praxis in einem engen Zusammenhang stehen: „Fragend schreiten wir voran“. Neben der ganzen Theoriearbeit (die in diesem Sinne eben doch auch Praxis ist), ist es auch wichtig, praktisch tätig zu werden. Da kann Theoriearbeit aber eben helfen und gibt vielleicht den Modus vor (siehe oben), während umgekehrt die Praxis die Fragen mitformt (siehe oben). Gerade das Beispiel der Fabrikbesetzung finde ich kritisch. Klar kann dann einfach per Learning by Doing sich das Wissen zum Betrieb einer Fabrik angeeignet werden, aber Erkenntnis der Arbeit als spezifisch-kapitalistische Form zum Beispiel ist etwas, das mensch sich theoretisch erarbeiten muss. Oft ist nachdem mensch praktisch geworden ist, soviel zu tun, dass solche Fragen seltsam in den Hintergrund treten und auf einmal wieder alles beim Alten ist, weil es ja „irgendwie notwendig“ (Informationshierarchien, Geschlechterverhältnisse, Verhältnis zur Arbeit,…) erscheint. In Christiania wurde ja zum Beispiel auch bekloppterweise ein Geld-Äquivalent eingeführt; hier stellt sich dann eben theoretisch auch die Frage, was wie praktisch zu erreichen ist (Eingebundenheit auch von Alternativprojekten in die Strukturen).

    Freiräume sind zwar nicht revolutionär odre so und es ist eine Binsenweishet festzustellen, dass sie eben nicht „frei“ sind, sondern im Gegenteil ebenfalls in Strukturen eingebunden. Aber sie sind notwendig, inbseosndere dann, wenn es alternative Werkstäten oder so dort gibt, wo tatsächlich eine Lebensperspektive geboten wird, die außerhalb der klassischen Erwerbsarbeit steht. Das ist dann zwar nur ein Gradunterschied zum Erwerbsarbeiten, aber immerhin das. Vielleicht sind diese fehlenden Perspektiven abseits von ganz, ganz wenigen Inseln, die sehr schwer zugänglich sind, gerade für Menschen, die auch ein paar Macken haben (Kommunen), ein Grund, warum Leute einfach irgendwo raus aus der Szene schliddern Diese Alternativen, denn jednefalls der Tendenz nach sind es doch Alternativen, fehlen. Es macht halt einen Unterschied, ob ich im selbstverwalteten Projekt Kinder betreue, die eigenen Felder bestelle oder im Supermarkt an der Kasse stehe. Das mag als „Reform“ abgetan werden, aber da es keine Möglichkeit im Jetzt für das ganz Andere gibt, finde ich das nicht schlecht. Da werden aber eben auch viele Fragen aufgeworfne, die sich nur theoretisch beantworten lassen, dann aber eben auch ausprobiert werden müssen, um zu sehen, wie sie tatschälich sich anfühlen, sozusagen.

    So, ich hoffe das ist klar geworden?

    Eine interesante Diskussion, vllt sollten wir mal was zur Theorie-Praxis veranstalten…

  17. 17 heinrich.osbert 09. Januar 2010 um 16:36 Uhr

    Das sehe ich im Prinzip auch so. Problematisch wird dieser Standpunkt ja auch erst dann, wenn er in einer weiteren Schublade endet, oder, wie renosterveld es nennt:

    „(…)jedes kleine individuum stolz seine selbstkreierte egolabelcollage vor sich herträgt, die immer nur bedingt kompatibel mit anderen sein kann.“

    Wäre das nicht ein perfekter Anfangspunkt/Zeichen der Notwendigkeit für Theoriearbeit? Darin sehen wir doch die Verstrickungen zwischen den Zielen der Autonomen, dem, was daraus wird und den gesellschaftlichen Vorstellungen: Autonomie als Zwang. Woher kommt das, wäre dann die Frage, warum ist das so und was könnte mensch dagegen tun? Sonst bleibt es doch auf einer persönlich-individuellen Ebene, wo wir dann von „stolz“ reden.

    „Heißt autonome Politik nicht auch politische Mittel danach auszurichten, inwiefern sie einen autonomen Menschen schaffen?“

    Meinst Du damit, sich selbst als autonomen Menschen zu erschaffen?

    Nein, ich meine damit zu schauen, dass auch die eigenen politishchen Mittel etwas bewirken und diese sollten danach ausgerichtet sein, was gewollt ist — zum Beispiel eben nicht „agitieren“ (also ein passives Menschenbild befördern), sondern kritisch zusammenarbeiten. Kommt ja auch oben etwas mit dieser Ich-Werkstatt etwas verschwurbelt vor.

  18. 18 fromouterspace 12. Januar 2010 um 14:52 Uhr

    Sorry, hab grad ’ne Gehirnlähmung, deshalb im Moment Funkstille.

    Nur kurz:
    „Gerade das Beispiel der Fabrikbesetzung finde ich kritisch.“

    Wie gesagt, ich find das Zitat grad nicht wieder. Wenn ich mich recht erinnere, ging es aber nicht allein um die Organisation der Arbeit als solche, sondern auch darum, wie diese ohne hierarchische Strukturen bewältigt werden könne.

    „(…)aber Erkenntnis der Arbeit als spezifisch-kapitalistische Form zum Beispiel ist etwas, das mensch sich theoretisch erarbeiten muss.“

    Arbeit an sich ist ja nichts „böses“, im Gegenteil. In der „spezifisch-kapitalistischen Form“ sicherlich, unbestritten. Dass Arbeit aber nicht nur ein Zwang ist, der es einem Menschen ermöglicht, sich selbst reale (und Ersatz-)Bedürfnisse zu befriedigen, dies kann zwar theoretisch dargelegt werden.
    Die Erfahrung aber, dass (selbstbestimmte) Arbeit sehr befriedigend sein kann, ist tatsächlich eine praktische.

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