Anarchistische Spontandemonstration durch Dresden Löbtau: Polizei verhängt Ausnahmezustand

Am Samstag, den 13. März, versammelten sich ca. 60 Menschen zu einer spontanen Demonstration durch das Dresdner Stadtviertel Löbtau Anlass war ein Angriff auf das libertäre Hausprojekt „Praxis“ einen Monat zuvor, in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar. Die Demonstration verlief entschlossen und friedlich ohne Störungen durch die zu spät eintreffende Polizei. Die „Praxis“ wurde daraufhin die ganze Nacht durch uniformierte und zivile Einsatzkräfte belagert.

Um 14:30 begann sich der Platz vor der „Praxis“ mit Menschen zu füllen. Einige kamen in sportlichem Schwarz, andere bunt geschminkt. Als ungefähr 60 Menschen vor Ort eingetroffen waren wurde das auf einem Einkaufswagen montierte DIY Soundsystem angeschmissen und los ging es die Columbusstraße hinunter.

Die Stimmung heizte sich beim Einzug in die Kesselsdorfer Straße auf. Es wurden bengalische Fackeln und Böller gezündet. Die Teilnehmer_Innen riefen Sprechchöre und mit einem Megaphon wurden an der Haltestelle Wartende über die Vorfälle vor einem Monat informiert. Manchen Demonstant_Innen erschien das Vorgehen jedoch zu bedrohlich und geschlossen, was auch im weiteren Verlauf Diskussionen hervorrief.

Obwohl viele Menschen Flyer entgegen nahmen, blieben doch die meisten skeptisch gegenüber der ersten Demonstration durch den Stadtteil seit Jahren. Auch das Naziproblem in der Nachbarschaft offenbarte sich auf der Kesselsdorfer Straße. Mit verschiedenen rechten oder rechtsoffenen Personen kam es zu verbalen Auseinandersetzungen, von denen sich die Versammlung jedoch nicht aus der Fassung bringen ließ. Überall wurde Nazipropaganda übergeklebt und eigene Inhalte mit Kreide auf den Hauswänden formuliert.

Über die Rudolf-Renner Straße zog mensch im Bogen zurück in die Wernerstraße. In kurzen Redeeinwürfen wurde neben antifaschistischen Inhalten auch immer wieder Stadtentwicklung und Freiraumproblematiken thematisiert. In der Wernerstraße erschien die Polizei mit einigen Kleinbussen, konnte jedoch nichts mehr ausrichten. Die Teilnehmer_Innen verhielten sich frech und ungehorsam. Niemand ließ sich ausfragen oder in Gespräche verwickeln.

Auf dem Nachhauseweg wurde eine Gruppe von zwei mit Nazis bestückten PKWs angegriffen. Nach bisherigem Informationsstand scheint es keine Verletzten gegeben zu haben. Die Verbliebenen rechneten aus diesem Grunde mit einem weiteren Angriff auf die „Praxis“, der aber auch im Verlauf der Nacht ausblieb.

Stattdessen entwickelte sich die Situation zu einem rechtsstaatlichem Alptraum. Die machtlosen Polizeikräfte begannen die Anwohner_Innen des gesammten Häuserblocks zu nötigen und machten aus einer Bagatelle einen kostspieligen Polizeigroßeinsatz. Die Nacht über positionierten sich diverse zivile Einheiten in PKWs rund um die Häuser. In der Hinterhand und auf Patrouille befanden sich Bereitschaftspolizeieinheiten. Alle Anwohner_Innen, die die Häuser verließen wurden gefilmt. Meist wurden auch über halbstündig die Personalien aufgenommen. Aus der Straße abfahrende Autos wurden angehalten und kontrolliert, bzw. verfolgt und überwacht. Die Situation beruhigte sich erst gegen Morgen.

Hintergrund:
Löbtau ist einer der strukturschwächsten Stadteile Dresden. Die Bevölkerung setzt sich vorrangig aus Niedrigverdienenden, Arbeitslosen und Studierenden zusammen. Bekannt ist der Stadtteil durch seine hohe Leerstandquote, sterbende Industriegebiete und eine starke, rechtsoffene Hooliganszene. Das Hausprojekt „Praxis“ besteht seit 2 Jahren und versucht hier linkspolitische und kulturelle Veranstaltungen zu ermöglichen. Sie ist das einzige derartige Projekt auf der südlichen Elbseite. Hier findet einmal die Woche eine Volxküche statt, Veranstaltungsräume stehen für verschiedenste Projekte und Events offen. Es besteht auf diese Weise ein Frei- und Begegnungsraum für und von unterschiedlichsten Menschen.

Am 12. und 13. Februar wurde die „Praxis“, wie viele andere alternative Räume auch, Ziel eines gewalttätigen Angriffs. Der Angriff konnten dank eines erfolgreichen Schutzkonzeptes ohne Verletzte abgewehrt werden.


3 Antworten auf „Anarchistische Spontandemonstration durch Dresden Löbtau: Polizei verhängt Ausnahmezustand“


  1. 1 ding dong 15. März 2010 um 23:56 Uhr

    nicht schlecht

  2. 2 chuck 16. März 2010 um 17:30 Uhr

    beim nächsten mal mit mobi =)

  3. 3 Berry 01. April 2010 um 14:12 Uhr

    Hey Freaks,

    ersteinmal möchte ich sagen, dass ich die Vorgehnisse in Dresden Löbtau begrüße und mich sehr freue, dass sich anscheinend eine mehr oder weniger kleine Gemeinschaft gefunden hat, die sich zur Aufgabe gemacht hat, die Misstände in der Region aktiv ändern zu wollen.
    Es ist schön zu sehen, dass es in einem doch recht unauffälligen Stadtteil wie Löbbe, die Bestrebungen gibt ein freihetlich jugendulturelles Leben auf die manchmal doch sehr vetrakten Straßen, mit ihren zum Teil hochgradik bedenklichen Meinungen bringen zu wollen. Thumbs up!

    Doch, wundere ich mich manchmal über die Art und Weise der Berichterstattung welche sich auf diesen, sowie anderen solcherart Informationsnetzwerken findet lassen, mir manchmal nicht weit weg von einer Propaganda vorkommt, die schon ganz andere, fürchterliche Leute gebrauchten und in grausame zustände endeten.

    Ein Beispiel, nicht das einzige abder eindeutiges:
    „Löbtau ist einer der strukturschwächsten Stadteile Dresden. Die Bevölkerung setzt sich vorrangig aus Niedrigverdienenden, Arbeitslosen und Studierenden zusammen. Bekannt ist der Stadtteil durch seine hohe Leerstandquote, sterbende Industriegebiete und eine starke, rechtsoffene Hooliganszene“

    Sorry, natürlich läuft auch in Löbtau ne menge scheiße, aber ihr stellt es hier ja dar, wie Hamburg-Wilhelmsburg oder zumindest so wie Chemnitz-Sonnenberg.
    Dabei finde ich, sowie viele andere Leute auch, Löbtau eigentlich ganz entspannt, entspannter als selten wo in DD. Deshalb wohnen wir doch dort oder nicht?!
    Zudem sind die Behauptungen aus der Luft gegriffen und ich kann es nicht anders sagen, reine Polemik.
    Schau ich mir die Statistiken an (s. http://www.dresden.de/de/02/06/c_055.php)liegt der Leerstand in Löbtau zwischen 15 und 19%, dass ist knapp über den gesamtdurschnitt von 12/13% und sieht auch in anderen Stadtteilen z.B. der Neustadt! nicht anders aus. Hier also von einem besonders hohen zu sprechen finde ich gewagt.
    Ebenso verhält es sich mit den Beschäftigungsraten, wo sich die weiten, endlosen und zefallenden industrielandschaften in Lö. erstrecken sollen ist mir auch ein rätsel.

    Alles im Allem heißt das für mich, Löbtau ist wenn überhaupt höchstens genauso am Arsch wie die meisten der anderen Stadtteile auch, abgesehen der Alstadt und dem ein oder anderen Villenviertel. Hat im unterschied aber ne menge Potential, was vor Allem in den Leuten, aber auch den Stadtteilaufbau an sich liegt.
    Wiki:
    „Heute zählt der Stadtteil etwa 15.000 Einwohner und ist von der sozialen Zusammensetzung her sehr gemischt besiedelt, trotz seiner zunehmenden Attraktivität gilt er als einfache Wohnlage. Die zahlreichen Seitenstraßen mit vielen Grünflächen locken Familien und ältere Menschen; wegen der Uninähe und der vielen Altbauten wird die Gegend zunehmend auch für Studenten attraktiv. Löbtau gilt weitenteils als ruhiger und grüner als das Dresdner Kneipenviertel, die Äußere Neustadt.“

    Wer wirklich etwas verändern möchte, muss Kritik immer fundiert und sachlich formulieren und nicht so plakativ wie es in der „linken Szene“ leider häufiger passiert.
    Wir nehmen uns so einfach selbst die Glaubwürdigkeit, das bietet nur Ansatz uns „Extremistentum“ vorzuwerfen, aber keinen, die Anwohner von einem schöneren Stadtteilleben zu überzeugen.
    Es gibt hier neben den „What’s Up Löbtau anhängern“ sicherlich nicht so viele polit. Aufgeklärte und kritisch denkende Leute. Aber ich gehe davon aus, dass ein großer Teil dieser Leute in der Lage ist, zwischen richtig und falsch zu entscheiden.

    Lasst und bitte, bitte aufhören immer nur zu jammern wie Scheiße doch alles ist und einfach darauf konzentrieren, wie schön es doch sein könnte und was wir dafür tun können.
    In kleinen Schritten und unter größtmöglicher Beteiligung aller, alles andere endet nur in Missgunst.

    Ich freu mich schon auf ein buntes Löbtau und zugehörigem Straßenfest!

    bestes, M.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.