Engesendet: Critical Mass Aktion fordert endlich wieder alternative Freiräume in Gera

Auf einmal bewegte sich am Samstag ein Tross von 30 radelnden Leuten durch die Innenstadt. Sie fordern neue alternative Freiräume, die in Gera seit Jahren fehlen. Dahinter steht eine Kritik an Konsumzwang, der die Freizeit dominiert, an Ordnungswahn in den Köpfen und an Polizeischikanen gegen Jugendliche, die sich den öffentlichen Raum zum Leben zurückholen wollen.

Alles das ist mit dafür verantwortlich, dass sich in dieser Stadt, viele Menschen nicht verwirklichen können. Anstelle von Solidarität stehen Vereinzelung und Rückzug ins Private. Das Anliegen der Critical Mass ist daher die Schaffung eines selbstverwalteten Zentrums für Politik, Kultur und Spaß, dass es trotz zunehmenden Leerstands immer noch nicht gibt. Darin wollen wir mit vielen anderen Leuten alternativ zum Mainstream unsere Freizeit gestalten, Leben bereichern und Kritik diskutieren. Und das alles solidarisch und ausprobierend nach unseren Bedürfnissen.

Um dieser Botschaft Gehör zu verschaffen, wurde sich der öffentliche Raum mit einer Critical Mass als Protestform für ein paar Stunden symbolisch zurückgeholt. Vom Theater radelten die TeilnehmerInnen über die Sommerbadstraße in den Stadtwald, wo an den immer wieder von der Polizei heimgesuchten Dirt Bike Strecken Redebeiträge gehalten wurden. Nachdem diese viel Applaus erhielten, fuhr die Gruppe Richtung Gera-Arcaden, wo mehrere Umrundungen eines Kreisverkehrs und Parolen für Aufmerksamkeit sorgten. Die Reaktion in den länger werdenden Autoschlangen reichten von Lachen, Winken und Hupen bis zum Versuch in die Fahrräder hineinzufahren.

Trotzdem war die Stimmung auf dem weiteren Weg über die Heinrichstraße zurück zum Theater entspannt und fröhlich. Die Situation eskalierte erst Richtung Berliner Straße.

Auf der Eselsbrücke rasten unvermittelt etwa zehn Einsatzfahrzeuge der Thüringer Bereitschaftspolizei, die augenscheinlich von einer gerade beendeten Neonazikundgebung in Gera-Lusan kamen, auf die Critical Mass zu. Dabei nahmen diese billigend in Kauf Personen zu überfahren. Ohne den Dialog zu suchen, prallten aufspringende Autotüren gegen TeilnehmerInnen, Polizisten verteilten vollkommen überzogen Tritte und Schläge und versprühten zudem Pfefferspray. Auch die Rufe, eine Spontandemonstration anmelden zu wollen, wurden ignoriert. Schließlich wurde ein ganzer Stadtteil abgeriegelt, DemonstrantInnen durch die Straßen gejagt und zu Boden gerissen, wobei die Polizisten mit vollem Gewicht auf eine Person einsprangen, eine andere direkt ins Gesicht schlugen und Fahrräder demolierten. Weitere TeilnehmerInnen erlitten Prellungen und Stauchungen.

Insgesamt wurden drei Menschen festgenommen und erst in der Nacht wieder freigelassen. Außerdem kam es zu mehreren Ingewahrsamnahmen, schikanösen Personalienkontrollen und Identitätsfeststellunge. Ironischer Weise bestätigt das Geschehene genau das Anliegen und die Kritik der Critical Mass. Die unerwarteten Polizeiübergriffe haben diejenigen getroffen, die gegen Schikanen protestieren und alternative Freiräume fordern. Ein zuvor nicht angemeldeter Protest rechtfertigt inkeinem Fall eine solche Brutalität. Zumal ist eine Critical Mass eine Protestform des zivilen Ungehorsams und somit in weiten Teilen der Bevölkerung legitim. Die Reaktion der Polizei zeigt wieder einmal das Nulltoleranzprinzip, mit dem in Thüringen alternative Projekte im Keim erstickt werden sollen. Ob besetzte Häuser in Erfurt oder Dirt Bike Strecken in Gera, die Konsequenz sind Räumung, Verdrängung und Repression.

Die Geschehnisse vom Samstag werden ein Nachspiel haben. Wir werden dafür eintreten, dass die Polizeiübergriffe auf uns und die Forderungen nach alternativen Freiräumen in Gera auf die politische Tagesordnung kommen. Denn eines ist klar: wir werden dies nicht einfach hinnehmen. Unser Dank und unsere Solidarität gilt allen MitstreiterInnen, die an der Aktion teilgenommen haben, verletzt oder festgenommen wurden.


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