No-go-area Deutschland


[So jung und doch schon Teil des deutschen (Fußball-) Mobs]

Endlich ist dieser schreckliche WM Spuk vorbei. Mit der Niederlage der deutschen Herren WM Mannschaft gegen Spanien hat der Partynationalismus vorerst ein Ende gefunden. So kann ich zumindest hoffen, dass diese ganzen ekligen Flaggen von den Autos bald wieder verschwunden sind.
In Dresden wurde am Mittwoch ausgelassen gefeiert und der Anblick vieler trauriger deutscher Gesichter war wirklich eine kleine Entschädigung für die Wochen des nationalen Taumels. Gerüchte sprachen zwar von Spaniern, welche bei der mittlerweile als Nazianlaufpunkt bekannten Kneipe Ackis Sportsbar, in eine Schlägerei verwickelt worden sein sollten, aber das bestätigte sich im Laufe des Abends nicht. Doch nicht überall blieb es so ruhig wie hier. Die Konkret hat ein WM Special über den ‚fröhlichen Partynationalismus‘ mit aufgelisteten Nebenwirkungen solch eines nationalistischen Großevents online gestellt und resümiert:
Neonazi-Randale, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und drei Tote

*edit:
passend zum thema, wenn auch etwas verspätet noch ein gastbeitrag von fremdkörper:

Wir sind Party!

Alle sozialen Unterschiede sind aufgehoben, seit zwei Wochen gibt es nur noch die feiernde Schicksalsgemeinschaft in Schwarz-Rot-Gelb (der Fahnenpolyester kann kaum als Gold bezeichnet werden). So viel Deutschlandsymbolik wie seit 2006 gab es nicht mal in Lichtenhagen, Hoyerswerda oder zur Wiedervereinigung. Die neue Ungeniertheit, was nationale Symbole angeht, äußerte sich gewissermaßen als kollektiver Erleichterungsseufzer, der alle angestauten Wir-Gefühle schlagartig nach außen brechen ließ. Manche sahen darin vielleicht das ersehnte Zeichen eines erwachenden Nationalstolzes, viele einfach nur etwas ganz Normales, wie in jedem anderen Land auch und einige womöglich den ersten Schritt in Richtung viertes Reich.

Fragt man einen beliebigen Fahnenschwenker im Deutschlandtrikot und mit schwarz-rot-gelber Hawaiikette nach dessen möglichen nationalen Überzeugungen, bekommt man meist sinngemäß zu hören, dass Fußball nichts mit Politik zu tun habe und dass es hier darum nicht ginge. Es mag zwar im Trend liegen, fragwürdige Ansichten mit dem Label „unpolitisch“ zu kaschieren und auch die rechte Hooligan-Band „Kategorie C“ betont in ihren Liedern: „Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik“, aber so recht mag ihr das keiner glauben. In der so genannten zivilisierten Welt scheint Fußball eine Rolle als Kriegsersatz einzunehmen, und Weltmeister wird auch nicht die jeweilige Mannschaft, sondern „wir“. Bei einer derartigen Überidentifikation geht nichts ohne Verallgemeinerungen, Stereotypisierungen und Ressentiments, die nicht nur durch Alkohol, sondern auch durch eine Gesellschaft, die im gemeinschaftlichen Freudentaumel beide Augen zudrückt, unterstützt werden.

Wo von Nationalmannschaften die Rede ist, kann vom Konstrukt der Nation nicht geschwiegen werden. Es gilt als das Normalste der Welt, der „eigenen“ Mannschaft zuzujubeln, egal, wie sympathisch deren Mitglieder, egal, wie gut deren Spiel- schließlich gehören sie zu uns. Wie unernst das alles auch sein mag, im Kern schwingt doch die Nation als Schicksalsgemeinschaft mit. Gleichzeitig wirkt alles so erstaunlich harmlos, wenn man bedenkt, dass der neue Patriotismus kaum mit einem Überbau aus Ideen daherkommt, selbst wenn der ARD-Kommentator ab und an bei der Mannschaft die „deutschen Tugenden“ vermisst. Tatsächlich geht der neue Deutschland-Hype auf den geglückten Versuch zurück, einen Markt für nationales Merchandising zu schaffen, den es in Deutschland vor 2006 so nicht gegeben hat. Jetzt wird von der Deutschlandbuxe über schwarz-rot-gelbe Gummibären bis hin zum DFB-Gartenzwerg alles angeboten- und gekauft. Es ist davon auszugehen, dass nach solchen Gütern womöglich schon allein aus Identifikationsgründen ein Bedürfnis bestanden hat, aber wirklich artikuliert (bzw. suggeriert, je nach Standpunkt) wurde es erst mit der Idee des Public Viewings, die den Fußball als volksgemeinschaftliches Bindeelement aus den Wohnzimmern und Sportkneipen auf die Straße gebracht hat. Dabei geht es um nichts anderes, als um die Sehnsucht nach einem „Wir“ und um gemeinschaftliche Freude, um äußerst menschliche Bedürfnisse also. Nichtsdestotrotz bildet eine solche Sehnsucht, wenn sie sich auf abstrakte Gebilde wie die Nation bezieht, die Tendenz, das entstandene Gemeinschaftsgefühl mit Begrifflichkeiten zu unterfüttern, besonders wenn die Fußball-WM als ursprünglich konstituierendes Moment vorbei ist.

Die meisten Nationen sind wie Deutschland Bluts- und Kulturnationen. Mit der Idee des Public Viewings gelang findigen Menschen auf der Suche nach Mehrwertmöglichkeiten der Geniestreich, trotz Wagner, Sozialpartnerschaft und Auschwitz einen ungenierten deutschen Patriotismus zu schaffen, der sich auch entsprechend vermarkten lässt. Dass dieser in Teilen des linken Spektrums wenig Anklang findet, mag nicht überraschen, in der rechtskonservativen bis nationalsozialistischen Ecke ist man darüber gespalten. Während die einen die Gunst der Stunde nutzen, um ihre Reichskriegsflaggen ungescholten in der Öffentlichkeit zu präsentieren, monieren die anderen die bereits angesprochene Inhaltslosigkeit des neuen Nationalstolzes. Dabei haben die Nazis doch gar keinen Grund zu jammern: früher oder später wird sich auch das neue Nationalbewusstsein mit Inhalt füllen, schon allein weil bis zur nächsten EM zwei und bis zur nächsten WM vier Jahre überbrückt werden müssen, sowohl von Gemeinschaftssuchenden als auch von Herstellern schwarz-rot-gelben Merchandisings. Und es ist viel leichter, den Nationalstolz mit Attributen zu füllen, nachdem er in der Bevölkerung verankert ist, als umgedreht. Das ist der eigentliche Grund zur Sorge. In Zeiten der allgegenwärtigen Krise darf man demnach gespannt sein, wie viele „innere Reichsparteitage“ bis dahin noch ins Land gehen werden.


6 Antworten auf „No-go-area Deutschland“


  1. 1 ... 12. Juli 2010 um 15:50 Uhr

    NO NATION NO BORDER!!! DESTROY ALL POLITICANS AND AUTHORITIES!!!!

  2. 2 S. Plicazione 12. Juli 2010 um 18:27 Uhr

    ok, ich füge mich deiner autorität und zerstöre alle autoritäten!!!!111elfelf!1!

  3. 3 #[assassininkurast]# 12. Juli 2010 um 20:09 Uhr

    Ganz großer Fußball auch bei SPIEGEL: Es ist jetzt wieder German Arbeitsamkeit angesagt… Für die Durststrecke bis zum nächsten Event hat man sich auch schon Gedanken gemacht:
    „Bis es soweit ist, bereiten Sie sich weltmeisterlich vor, was in ihrem Fall bedeutet: Konzentrieren Sie sich ab jetzt wieder voll auf Ihre Arbeit, auf Ihre Aufgabe im großen Team. Denn der Bundespräsident hat gesagt, wie wichtig das ist mit dem Team. Und das können, das müssen wir alle mitnehmen von dieser Fußballweltmeisterschaft in Südafrika.“

    Der Bundespräsident hat’s gesagt. Beim SPIEGEL kann mittlerweile scheinbar jedeR schreiben…

  4. 4 farfalla 13. Juli 2010 um 13:49 Uhr

    musste ja aber auch mal gesagt werden.

  5. 5 farfalla 14. Juli 2010 um 11:17 Uhr

    @#[assassininkurast]#

    danke für die ergänzung. ist ja echt interessant was der spiegel da so schwadroniert.

    spannend auch folgendes zitat aus dem artikel:

    „..Sehen Sie? So müssen wir denken! Nicht das betrauern, was wir sind. Sondern stets das vor Augen haben, was aus uns werden kann, wenn wir nur hart arbeiten und dabei auch noch einfallsreich sind…“

    das klingt ja schon nach puritanismus. jeder ist seines glückes eigener schmied und wer keinen erfolg hat ist demnach auch selber schuld. da brauchts nicht mal mehr hartz 4.
    das nie eingelöste glücksversprechen ist auch in doofland angekommen…

  6. 6 fremdkoerper 15. Juli 2010 um 23:37 Uhr

    nichts für ungut und erst recht nichts für den spiegel- aber der artikel arbeitet sehr mit der guten alten ironie und macht sich drüber lustig, wie alle die wm wichtig genommen haben und gleichzeitig nichs von den entscheidungen aus berlin mitbekommen haben, die „falls Sie [nicht] Apotheker oder Elitestudent aus begütertem Hause sein sollten“ nichts gutes mit sich bringen.
    und dass der spiegel nicht am antinationalen, kapitalismuskritischen diskurs partizipiert muss nicht noch mal extra erwähnt werden, da reicht der artikel nicht mal für einen aufreger aus.

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