Wer ist eigentlich diese_r QUEER?

Kann ich queer sein? kannst du queer sein? kann überhaupt ein mensch seine identität mittels queer beschreiben, oder läuft das nicht vielmehr der idee der queer theory, sich viele identitäten zu schaffen, um diese letztendlich in der rauen menge zu dekonstruieren.
wenn ich gelichzeitig lesbe, jüdin, gärtnerin, mutter, mitbewohnerin, briefmarkensammelerin usw. bin, dann passe ich nicht in eine bipolare schublade von mann oder frau, schwarz oder weiß…

Der zwar sehr witzig gemachte Mobitrailer zum kompenhagener queerfilmfestival verfällt meiner meinung nach aber genau in solch eine rolle, eine queere identität aufmachen zu wollen. queer als lifestyle, als gruppenzugehörigkeit und erkennungsmerkmal.
Also wer oder was ist nun QUEER?

Cph Queerfestival film 2010 from Tine Alavi on Vimeo.


5 Antworten auf „Wer ist eigentlich diese_r QUEER?“


  1. 1 osbert 19. Juli 2010 um 22:01 Uhr

    Ohne Anspruch zu haben, dass ich irgendwie weiß, wovon ich rede, antworte ich mal, so was ich halt danke. Ich hoffe, das kommt nicht allzu klugscheißerisch oder so rüber, aber manchmal passiert das ja (Halbbildung halt)…wenn ich totale Scheiße rede, bin einfach reinrufen und ich halte mich das nächste Mal mit sowas zurück.

    „Where there is power, there is resistance“ fasst ja genau diesen Widerspruch zusammen nach dem Du fragst; der Widerstand bei Foucault, von dem dieses Zitat ja stammt, kommt aus dem Nirgendwo und ist in der Konsequenz seiner späteren Machttheorie (der, der wir in Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit, Geschichte der Sexualität Bd. 1 begegnen) eigentlich überhaupt nicht vorhanden, da ja gerade Wesen der Macht ist, dass sie überall liegt bzw. alles Teil des Diskurses ist; es gibt kein Außerhalb: immer wenn wir über „Sexualität“ reden, beichten wir diese zum Beispiel auch. Wenn vorantastend versucht wird, diesen Widerspruch aufzulösen ist es klar, dass man immer wieder dort landet, wo auch das Video landet: vielleicht produzieren wir unaufhörlich Identitäten und Subjektivierungsformen und vielleicht gilt insofern nur, „sich nicht derart regieren zu lassen“.

    Vielleicht der Beichte die Lust, die ars erotica, entgegensetzen: und genau das versucht das Video ja auch beispielhaft darzustellen. Klar, die Personalisierung der Norm bleibt kritisch, aber sie ist eben nichts, das außerhalb steht, sondern etwas, das gerade die Queers in dem Video dazu bewegt, sich derart zu verhalten: eben die eigene Reproduktion dieser Norm irgendwie zurückzuweisen; sich anders zu verhalten, irgendwie. Da wird dann eben geflasht, wenn die HM-Bombe bedrohlich nahe ist.

    Der Bruch mit Identität wird ja auch im Video vollzogen: erst ist man irgendwer, die_der mit pinkem Ding auf dem Klo hockt und dann „The Flasher“ oder dieser Hase. Klar, danach bleiben die Leute bei ihrem „The Flasher“-Sein, aber es ist ja auch nur 7 Minunten lang und prinzipiell ist der Bruch und v.a. die Bruchmöglichkeit ja drin. Foucault antwortet (sicherlich problematisch) mit der Sorge um sich, statt sein wahres Selbst zu finden, gilt die Ästhetisierung des Selbst: „der Wille ein moralisches Subjekt zu sein, und die Suche nach einer Ethik der Existenz waren in der Antike in der Hauptsache das Bemühen, seine Freiheit zu behaupten und seinem eigenen Leben eine bestimmte Form zu geben, in der man sich anerkennen und von den anderen anerkannt werden konnte, und sogar die Nachwelt konnte sich daran ein Beispiel nehmen“. Genau das wird im Video vollzogen. Nur: ist das nicht gerade das neoliberale Selbstprojekt?

    Und da spielt halt wieder Adorno (oder Blumfeld) eine Rolle, es gibt halt kein richtiges Leben im Falschen (oder von der Unmöglichkeit, Nein zu sagen ohne sich umzubringen).

    Es gibt ein Gespräch zwischen Adorno und Horkheimer, wo sie genau das diskutieren: »„Verlangt eine andere Praxis unter diesen Umständen nicht (…) dass man sich umbringen soll?“ Adorno relativiert: Wenn es das Ziel sein soll, anders zu denken und anders zu handeln, dann müsse der echte Gedanke die eigene Interessenlage negieren. Denn die eigene Interessenlage, die pure Selbsterhaltung, reproduziert auch „das Falsche“.« (Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 19, Frankfurt a. M. 1996, S. 61, zitiert nach http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2010/januar/praktische-optimisten-zizek-und-adorno, der Artikel selbst ist übrigens auch schon überaus interessant für den letzten Satz über Foucault/Queer-Theorie oben). Genau das ist das Terrostische (und eigentlich Kritische) an den gleichwohl notwendigen (denn das wissen ja auch schon Tocotronic: Pure Vernunft darf niemals siegen, Theorie und Praxis gehören zusammen, Denken muss halt irgendetwas überschreiten oder sich an etwas herantasten können und wer nur auf Vernunft setzt) Versuchen in der Linken und gerade bei den lieben Anarch@s, hier jetzt ganz anders zu leben.

    Ich hoffe, das war jetzt nicht zu ausholend und springend, aber ich fand den Zusammenhang schon irgendiwe gegeben. Am Ende gilt halt: „Im Zweifel für den Zweifel“ (Tocotronic)

  2. 2 osbert 19. Juli 2010 um 22:04 Uhr

    Total doof, dass es keine Editfunktion gibt, btw. Naja, hoffentlich trotzdem lesbar.

  3. 3 farfalla 19. Juli 2010 um 23:19 Uhr

    @ osbert:
    auf jeden fall lesbar, aber sehr viel auf einmal.

    ich denke auch, dass queer, als gegenpol zur heteronormativen gegenwart und übermacht, versucht eine gegenmacht aufzubauen. ein richtiges leben im falschen wird begonnen um eben im jetzt und hier eine sexismuskritische PRAXIS zu leben.

    „…das Bemühen, seine Freiheit zu behaupten und seinem eigenen Leben eine bestimmte Form zu geben, in der man sich anerkennen und von den anderen anerkannt werden konnte…“
    passt auf jeden fall sehr gut. wenn ich sein kann wie ich will, also meine freiheit behaupte, dann bin ich ja auch nicht mehr auf identitäten angewiesen.
    wo siehst du da (konkret im video) anknüpfungspunkte zu einem neoliberalen subjekt?

  4. 4 osbert 20. Juli 2010 um 14:52 Uhr

    Mh, ich weiß nicht wirklich, ob die zitierte Lösung von Foucault echt gut ist und ob sie nicht eigentlich nur das flexible Selbstprojekt beschreibt, das sich unter die Knute irgendeiner nicht näher beschriebenen Freiheit (woher kommt denn die überhaupt? Ist halt eigentlich wieder das Gleiche wie mit dem Widerstand) stellt und dabei völlig ignoriert, dass Freiheit eben gerne auch bedeutet, dass ich machen kann, was ich will und am Ende das Risiko tragen darft: jede_r ein_e Selbstmanager_in.

    In dem Video spielt das nur insofern eine Rolle, als die Leute dort den Ausgangspunkt ja umgesetzt haben, also die Forderung vom „Selbstkunstwerk“ und da wär halt die Frage, wie man diesen Punkt bewertet. Das Ding ist aber halt auch nur 7 Munten lang. Ich wollte den Macher_innen auch nicht vorwerfen, dass sei jetzt irgendwie ein Pamphlet für Angela Merkel oder so..

  5. 5 Polemiker 29. Juli 2010 um 7:19 Uhr

    wenn ich gelichzeitig lesbe, jüdin, gärtnerin, mutter, mitbewohnerin, briefmarkensammelerin usw. bin, dann passe ich nicht in eine bipolare schublade von mann oder frau, schwarz oder weiß…

    Ahja…

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