Eingesendet: „Künstler und Verbrecher sind Weggefährten…“

„…Beide verfügen über eine verrückte Kreativität, beide sind ohne Moral, nur getrieben von der Kraft der Freiheit.“
- joseph beuys

ich war samstag im knast. theater gucken.
in der jva zeithain, 60 km nordwestlich von dresden, bei riesa.
in der ankündigung hieß es:

„NACHT EINSCHLUSS – Bewegungstheater frei nach „Göttliche Komödie“, Künstlerische Leitung: Jacqueline Hamann, Alexej Merkushev. Mit dieser Theaterproduktion begeben sich 12 Gefangene frei nach Dantes Visionen auf ihre Reise durch die Hölle. Erzählen Phantasien, aber auch erlebte Wirklichkeiten.“


durch gefangene realisiertes kunstprojekt an einer alten restmauer mit fliesen

der abend war… beeindruckend. zuerst die ankunft: wir durften keine handys, keine waffen, drogen usw. mit reinnehmen, klar. mussten unsere persos abgegeben (außerdem war eine vorherige telefonische namentliche anmeldung pflicht gewesen), bekamen dafür eine besucher*innenkarte. wir mussten aber nicht durch die überall aufgestellten metalldetektoren, womit uns schon mal mehr vertrauen zuteil wurde als z.b. angehörigen, die insassen besuchen wollen. dann mussten wir auf den schließ-menschen warten, der die vielen türen jeweils vor uns auf- und direkt hinter uns wieder zuschloss. leichte beklemmungen angesichts des von hohen zäunen durchzogenen hofes. verschlossene türen. erträglich, solange mensch weiß, in zwei stunden wieder gehen zu können.

gespielt wurde in der turnhalle. anwesend waren samstag ca. 50-60 besucher*innen – keine ahnung, was das für leute waren. angehörige? sozialpädagog*innen? theaterleute? für die anstaltsbediensteten und -mitinsassen wird das stück in den nächsten tagen nochmals aufgeführt.

das stück selbst basierte zwar auf dante, war aber eigenen erlebnissen und lebensläufen der darstellenden sehr nahe – kam zumindest so rüber. straffällige mussten wegen verschiedener vergehen/taten höllenqualen durchleiden. darunter z.b. drei jugendliche, die besoffen bei „licht am fahrrad, licht am fahrrad, dy-na-mo“-gegröle einen menschen zusammenschlugen, darunter aber auch zwei wegen amtsmissbrauchs verurteilte richter. es wurden z.b. auch mögliche vorgeschichten der „täter“ beleuchtet, wie zum beispiel misshandlungen als kind. aber das alles überhaupt nicht klischee-abhandelnd, sondern sehr authentisch. aus der ankündigung:

„Der Ort „Gefängnis“, in welchem tatsächlich inszeniert wird, wird in die Dante’schen Höllenkreise aufgenommen, ist Dreh- und Angelpunkter Geschichte. Den für die meisten Spieler beginnt die Hölle spätestens, wenn sie hier „einfahren“ für einige Monate oder auch für viele Jahre. Sie erzählen die Geschichte eines Einzelnen stellvertretend für Viele. Die Hölle im Leben: verpatzte Kindheit, verlorene Jugend, Kriminalität, Gefängnis, Perspektivlosigkeit, Strafe und immer wieder allein damit sein. – Eine ganz persönliche Geschichte. – Am Rande des Wahnsinns in einer kleinen Zelle, welche den Weg nach Draußen nicht zulässt. Zurück bleibt die Sehsucht nach Läuterung, nach Vergebung, nach einer Ankunft in eine Freiheit, die gelebt werden kann.“

als dann plötzlich die gesamte szenerie erstarrte und zwei typen mit akustikgitarre auch noch bettina wegner’s „sind so kleine hände“ sangen… boah – war ich ziemlich fertig – zu viel realität irgendwie. voll gut!

info am rande: regisseur merkushev ist gründungsmitglied des tanztheater-ensembles „derevo“, das zwischendurch immer mal wieder in hellerau zu sehen ist.

am ende gab es gelegenheit, sich mit den mitwirkenden zu unterhalten. „fragen sie ruhig nach – z.b. wie so der gefängnisalltag aussieht oder wie die proben waren oder sonstwas. nutzen sie die chance!“. ja schön, aber mir fiel, ehrlich gesagt, keine frage o.ä. ein, die mir nicht komplett bescheuert vorgekommen wäre. was willst du denn da bitte für‘n gespräch anfangen? ich hab’s noch hinbekommen, ein paar schauspielenden zu sagen, dass es gut war. aber sonst… rauchen war da ganz praktisch, um nicht vollends doof rumzustehen. und die kontaktaufnahme „haste ma feuer“ ist schließlich auch eine. naja. am ende wurden erst alle gäste gesammelt und dann im mob zurück durch alle türen geschleust. tauschgeschäft besucher*innenkarte gegen perso, dann raus, weg. puh.

die jva zeithain hat kapazitäten für 395 gefangene. in diesem fall männlich definierte leute mit mittlerer haftdauer (z.b. 5 jahre). ansonsten arbeiten dort rund 150 leute, sagt das internet.

mir kam zu ohren, dass der leiter der zeithainer anstalt bernd schiebel ausgebildeter sozialpädagoge sei, während meistens justizbeamte als jva-chefs eingesetzt würden. nur deshalb seien projekte wie dieses dort überhaupt realisierbar. die mitarbeiter*innen würden zumeist lieber dienst nach vorschrift machen, statt irgendwelche kunstprojekte zu betreuen. es wurden wohl drei (!) überzeugt (!), sich vielleicht doch mal das theaterstück anzusehen.

ein weiterer günstiger umstand für die verbesserung der haftbedingungen war die tatsache, dass zeithain bis vor kurzem auch jugendknast war. für den jugendstrafvollzug gibt es staatliche vorgaben, verstärkt resozialisierungsmaßnahmen durchzuführen – nichtjugendliche strafgefangene sind mit bloßer handwerklicher arbeit abspeisbar. naja okay, vielleicht noch ein sportraum.

kennt ihr „milch und blut“? die selbstbetitelte „Straßenkampfallwetterband mit Hang zum Philosophisch-Absurden“ aus den 90ern? helen mannert, jörg isermayer, alfred haberkorn. letzterer ist kunsttherapeut, hängt seit jahren in/um dresden rum und macht spannende projekte. vielleicht eine typische linke karriere: früher gegen die knastmauern ansingen, jetzt den schlüssel haben. vielleicht auch ganz gut so?! seit ??? gibt es nun den verein „Kunst im Gefängnis e.V.“, auf dessen seite http://kunstimgefaengnis.de es heißt:

„Kunst ermöglicht es, den Inhaftierten nicht als Gefangenen, sondern als Menschen wahrzunehmen. Unser Ziel ist es, Kunst in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen zum festen Bestandteil des Justizvollzuges in den Justizvollzugsanstalten des Freistaates Sachsen zu machen. Wir möchten dabei die verschiedensten Wege einschlagen, um Gefangenen die Begegnung mit ihrer eigenen Kreativität zu ermöglichen. Sei es in Form einzelner Projekte, bei denen Gefangene zusammen mit Künstlern schöpferisch tätig werden können. Sei es in Form von Kunstbetrieben, die neben die Wäschereien, Tischlereien und anderen Betriebe der Anstalten treten. Sei es in Form eines Freizeitangebotes, das neben Fußball und Kraftsport ganz selbstverständlich auch Möglichkeiten zu künstlerischer Betätigung schafft.“

die jva zeithain hat ein kreativzentrum (geleitet von haberkorn), gefangene können malen, zeichnen, plastiken anfertigen usw., musikinstrumente erlernen (in kooperation mit dem heinrich-schütz-konservatorium dresden) oder eben auch darstellen: theater machen. vor einer weile gab es auch noch ein knastradio, dem aber nun die finanzen für eine weiterarbeit fehlen.

über die pläne der anstalt aus der selbstdarstellung im internet:

„Optimierung der therapie- und veränderungsfreundlichen Anstaltsatmosphäre, die eine positive Veränderungsbereitschaft bei den Gefangenen fördern und stützen soll. Hierzu gehören verschiedene Kunstprojekte und Kunsttherapie, eine Theatergruppe, ab 2008 Musikunterricht und die Einrichtung von Musikgruppen für Gefangene sowie ein optimiertes Freizeitangebot mit sinnvollen Anregungen für die Ausbildung von Freizeitinteressen ohne Risiko in Bezug auf straffälliges Verhalten.“ und: „Über eine grundlegende bauliche Neugestaltung der Anstalt ab 2009, die auch den Neubau eines Haftgebäudes einschließt, soll die Atmosphäre in der Anstalt weiter verbessert werden. Den Gefangenen sollen mehr Möglichkeiten zur Erhaltung von Selbstständigkeit und Übernahme von Verantwortung gegeben werden.“

mit diesem programm nimmt zeithain eine vorreiter*innenrolle in sachsen, wenn nicht bundesweit, ein. häufig ist die hauptsächliche oder gar einzige beschäftigung(stherapie) für gefangene handwerkliche arbeit oder bspw. das fertigen verschiedener teile für die industrie. da passiert was ganz ekelhaft wirtschaftlich sinnvolles: die leute bekommen zwar ein paar euro die stunde (z.b. 3), die sie für „draußen“ ansparen können, aber… diese minimale bezahlung, getragen durch ausnutzen ihrer lebenssituation ist ein ganz klarer fall von ausbeutung.

aber „die knastis“ sollen froh sein, dass sie während ihrer zeit im knast auch noch geld verdienen können… außerdem hilft ihnen das ja beim gewöhnen an einen normalen arbeitsalltag, damit sie danach keine probleme haben, sich in die restgesellschaft zu integrieren. in der tat bestehen nicht sooooo große unterschiede zwischen „drinnen“ und „draußen“. jaja. ist mir vollkommen bewusst, dass ich das aus einer privilegierten, nicht betroffenen pespektive heraus behaupte. und ja, ich find’s auch irgendwie angenehmer, die herrschaftsverhältnisse eher strukturell/informell als rein praktisch (z.b. als wärterin mit schlüssel) vor mir zu sehen.

aber diese resozialisierungs-kackscheiße! da draußen ist nicht die freiheit, verdammt! hier draußen ist nicht „draußen“, hier sind leute nur nicht so offensichtlich eingesperrt. hier ist eine gesellschaft, die knäste braucht. damit alles so bleibt, wie es ist. damit wir einen noch unfreieren ort vor augen haben. damit wir euch nicht mehr sehen, die ihr produkt und unliebsamer teil der gesellschaft seid. die ihr rausgefallen wurdet.

abgesehen davon ist es, solange es sowas wie knäste gibt, trotzdem nett, wenn die haftbedingungen etwas aufgehübscht werden.
nochmal aus der ankündigung: „Kunst machen, heißt die Alternative zum Haftalltag, zum Gefangensein in den engen vier Wänden der Haftzelle. Malen, Bildhauerei, Musik, Schreiben oder auch Theater – vielleicht ein Weg auch aus der eigenen Hölle. Eine Art Freiheit nach Innen.“

künstlerische tätigkeit kann viel mit menschen machen und leute um wichtige (selbst-)erfahrungen bereichern. und damit trägt sie eben nicht unbedingt zur „(wieder)eingliederung“ in den BÄÄHHH-normalzustand bei. hängt natürlich ganz davon ab, wie es gemacht ist. lässt sich mit allzu pädagogischem herangehen und irgendwelchen er-ZIEH-ungszielen auch gut versauen…

in diesem fall hatte ich einen guten eindruck, obwohl ich natürlich nun nicht bei den proben dabei war – keine ahnung, wie das lief.

am freitag, 19.11., findet die letzte vorstellung von „nacht einschluss“ statt – im rahmen eines knast-theater-festivals, das ich hiermit wärmstens empfehle, weil’s bestimmt spannend wird: vom 17.-21. november gibt’s in und um dresden:
„Land in Sicht – Theatertage des sächsischen Justizvollzugs“ das programm + weitere infos findet ihr auf www.festivalimgefaengnis.de u.a. kommt das stück „pop spot“, an dem klaus jünschke, ex-raf, mitgewirkt hat. der hatte ja bei der podiumsdiskussion in dresden schon von seinen projekten mit jugendlichen strafgefangenen erzählt. und besonders empfehle ich jetzt einfach mal (ohne das stück gesehen zu haben) die gruppe „“, denn es ist die einzige mitwirkende frauentheatergruppe. ich würd sagen: bestellt schnell karten, sind schon viele vorbestellt. das wird ganz sicher spannend!

p.s.: und es ist vielleicht auch eine gute gelegenheit, mal zur probe in den knast zu gehen… ;-)

„Um einen Staat zu beurteilen,
muss man seine Gefängnisse von innen sehen.“

lew tolstoi