Elite gestern und morgen- Zur Zukunft der studentischen Verbindungen

Die folgende Kolumne erschien vor kurzem auf keinverlag.de . Aus gegebenen Anlass wird sie hier noch mal veröffentlicht, um darauf aufmerksam zu machen, dass ab sofort im Stura der TU Dresden ein Reader über studentische Verbindungen (Corps, Burschenschaften, Landsmannschaften etc.) in Dresden kostenlos erhältlich ist. In Kürze wird außerdem eine Online-Version auf der Homepage des Referates für politische Bildung
verfügbar sein.

Elite gestern und morgen

Diese putzigen karnevalesken Typen, die mit Degen, buntem Band, Mantel und Stiefel (das ganze wird dann „Wichs“ genannt) sich an irgendwelchen historischen Orten treffen, um sich mit Bier in der Hand ihrer nationalen Verantwortung zu besinnen- kennt die eigentlich noch jemand? Es gab Zeiten, da war fast jedes Nest, was sich Universitäts- oder Hochschulstadt nennen durfte, voll mit solchen aufstrebenden Männern. Ein paar Frauen, die das nach der Öffnung der Universitäten für sie nachahmten, gab es natürlich auch, aber sie bilden eine zahlenmäßig so geringe Gruppe, dass sie an dieser Stelle vernachlässigt werden kann.

Den meisten fallen pauschal die „Burschenschafter“ ein, obwohl diese eine Minderheit unter den studentischen Verbindungen bilden, gleichfalls aber eine enorme Auswirkung auf das Bild in weiten Teilen der Bevölkerung haben. Den Untertan kennen, nachdem er sogar in der BRD als Film in den Kinos mit leichter Zensur zugelassen wurde, auch viele und die KiezkämpferInnen der 68er-Bewegung besorgten den Rest, um die Verbindungen zu der Randgruppe werden zu lassen, die sie heute sind. Tatsächlich ist der Anteil der Korporierten seit Mitte der 60er Jahre von vormals über 30% der männlichen Studierenden heute in den Promille-Bereich gesunken. Nachdem jetzt auch nach und nach die „Alten Herren“ (korporiert ist man schließlich auf Lebenszeit) altersbedingt aus Amt und Würden ausscheiden, erleidet das berüchtigte „Vitamin B“ bei der Besetzung hoher Positionen in Politik und Wirtschaft einen herben Dämpfer oder muss sich neue Wege bei der Rekrutierung Nachfolgender suchen.

Ein alter Hut also, die ganze Geschichte. Da müsste es doch reichen, die verbliebenen Reste zu ignorieren. Dr. Peter Neumann vom deutschen Institut für sachunmittelbare Demokratie (DISUD) ist zwar kein Korporierter, bezeichnet sich aber Jahrzehnte nach seiner autonomen Sozialisation in den 80ern als Freund der Verbindungen und macht seit der Wiedervereinigung einen Aufschwung der Korporationen aus. Der Anschluss der DDR an die BRD hatte in der Tat zu einem Aufschwung jeglicher Art von nationalen Befindlichkeiten und somit auch zu vielen Wieder- und Neugründungen von studentischen Verbindungen in Ostdeutschland geführt, nachdem diese, von den letzten drei Jahren der DDR abgesehen, dort verboten waren. Trotzdem sind viele Verbindungen aufgrund Mitgliedermangels bereits wieder inaktiviert und von einem Aufschwung ist bis jetzt noch nicht viel zu spüren. Aber wie schnell und unter welchen Bedingungen könnte ein solcher einsetzen?

An Bemühung um Mitglieder und gesellschaftlichen Einfluss mangelt es den Korporationen nicht. In Dresden gründeten sie beispielsweise einen Verein als Netzwerk, der die „Förderung studentischer Kultur“ verspricht und von Verbindungen schweigt. Nachdem dieser schon Günther Beckstein (Alter Herr in einer Sängerschaft) als Referenten für sich gewinnen konnten, war dem Verein die überregionale Beachtung sicher. Trotzdem werben die einzelnen Verbindungen weiter für ihre Partys (Frauen im Bikini erhalten übrigens oft Freigetränke) nur mit ihrer Adresse und ohne Angabe des Verbindungsnamens. Bei all diesen Anstrengungen seitens der Verbindungen braucht es aber ein entsprechendes gesellschaftliches Klima, in dem die Bemühungen um Anerkennung Früchte tragen.

Da Korporationen vor allem altes studentisches Brauchtum des 18. und 19. Jahrhunderts zu bewahren suchen, ist ihnen ein gewisser Konservatismus inbegriffen. Hinzu kommt ein elitäres Selbstverständnis und der nicht zu unterschätzende identitäre Habitus. Eine Gesellschaft, in der ein Universitätsabschluss längst keine Garantie mehr für sozialen Aufstieg bildet und in der zunehmend verschiedene Gruppen der Bevölkerung um die letzten staatlichen Happen konkurrieren, bildet da eine gute Grundlage. Die Konfrontation mit dem krisenhaften Spätkapitalismus führt nicht zum Erkennen dessen Wesens, sondern zum Aufschwung irrationaler Ideologien, die nach Herkunft oder sogar nach Genen ihre gesellschaftliche Spitzenposition rechtfertigen. Die Suche nach Zugehörigkeit und Aufstiegschancen könnte auch so mancheN StudierendeN wieder in die Arme der Verbindungen treiben.

Auf der anderen Seite ist gerade die vielleicht letzte Transformation des Kapitalismus mitzuerleben: Der Wandel von der Dienstleistungs- zur Wissensgesellschaft. Das ahnt nicht nur das Hamburger Bürgertum, dass seine Kinder weiter so schnell wie möglich ins Gymnasium stecken will. Auch die protestierenden Studierenden im ganzen Land, die mehr Geld für Bildung fordern und wie in Dresden, für ihren wirtschaftlichen Mehrwert unter der Parole „Wir sind MehrWert!“ wortwörtlich auf die Straße gehen, erbetteln vom Staat eine Position, in der sie ihren Nutzen fürs Bruttosozialprodukt gegenüber dem der Haushaltssanierung beweisen können. Von freiem Kampf aller gegen aller, wie sie die FDP in der Theorie gerne vertritt, konnte und kann bei dieser Pfründesicherung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen nie eine Rede sein.

Die meisten studentischen Verbindungen propagieren ein Leistungsprinzip, dass sich in der Vergangenheit kaum mit den elitären Seilschaften in Wirtschaft, Politik und Verwaltung deckte. Doch auch die zunehmende Auflösung alter Privilegien, die seit Ende den 60er-Jahren zum Anwachsen des Anteils der GymnasiastInnen und der Studierenden sowie zum Niedergang der Korporationen führte, löste die gesellschaftlichen Widersprüche nicht auf. Die Gefahr des Scheiterns in einem ideell gedachten transparenten Wettbewerb ist immer zu groß, als dass irgendeine Gruppe freiwillig ihre Einflüsse aufgibt. Als Alternative auf das Gegeneinander gesellschaftlicher Gruppen bietet sich für breite Teile der Bevölkerung die Volksgemeinschaft eher als die Aufhebung der Selbstausbeutung an.

Irgendwo zwischen Volksgemeinschaft und Selbstausbeutung stehen die Verbindungen, die mit einem elitären studentischen Standesdünkel sich gegenseitig zu einer festen Position im Fluss der Weltwirtschaft verhelfen wollen. Dazu gibt es in Zeiten popkultureller Beliebigkeit eine feste Identität, die vielleicht auch ideologischen Halt in der viel zu komplexen Welt bietet. Ohne Modernisierung der auf anachronistischem Brauchtum begründeten Verbindungen wird die Nachfrage nach Identität und Sicherheit vielleicht aber auch von anderen, neu entstehenden Gruppen bedient. Denn die Racketbildung in der angeblich freien Marktwirtschaft wird auch durch den Niedergang der Männerbünde nicht beseitigt.


1 Antwort auf „Elite gestern und morgen- Zur Zukunft der studentischen Verbindungen“


  1. 1 RefPoB 13. Dezember 2010 um 13:44 Uhr

    die Broschuere zum Thema gibt es nun auch fertig als Download
    http://www.stura.tu-dresden.de/webfm_send/959

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