Der kommende Aufstand.

Im folgenden sollen einige Gedanken, die mir nach der Lektüre Der Kommende Aufstand im Kopf umherrschwirren, zur Diskussion gestellt werden.
Der recht kurze Text des sogenannten Unsichtbaren Komitee’s wird seit geraumer Zeit, nicht nur in linken Kreisen, sondern auch in der Mainstreampresse, bishin zu TV Sendungen in den USA, heftig diskutiert.
Inhaltlich ist das Werk jedoch nicht sonderlich gewinnbringend an politischen Analysen. Die Basis bildet eine versuchte, aber sehr verkürzte Darstellung des Status Quo, ausgegend von den Unruhen in den französichen Banlieues. Unterteilt in sieben Kapitel bzw. Kreise soll dies eine Einführung und Grundlage bieten. Das Ganze wirkte auf mich allerdings sehr zusammengewürfelt und chaotisch. Unter anderem wird konstatiert, dass in der Postmoderne kein klassisches Proletariat mehr vorhanden sei, da sich die Produktionsstruktur verändert hätte. Auch die Veränderung der städtischen Struktur, die Metropolisierung, wird besonders stark angeprangert. Die sehr dürftigen Gedanken zur Ökonomie, werden immerhin durch einige Seitenhiebe auf die Wirren ‚Anti-Wachstumsideen‘ von Organisationen wie ATTAC ergänzt. Eine tiefgreifende Kritik der politischen Ökonomie, die Kritik an der Proletarisierung der Menschheit oder eine radikale Wertkritik kommen an dieser Stelle eindeutig zu kurz. Ein stärkerer Bezug auf Marxsche Kapitalismuskritik hätte sicherlich nicht geschadet.
Eine äusserst kritisch zu hinterfragende These ist schließlich die, vom vermeintlichen Scheitern der Zivilisation. Dies sei eine Tatsache. Es solle sich des Kadavers der Zivilisation entledigt werden um anschließend eine neue Welt zu errichten.

Dies liefert dann auch den Übergang zum aktionsorientierten Part der Schrift. Unter der Aufforderung Auf gehts! wird zum Aufstand animiert. Die Zeit sei reif, Diesen im Hier und Jetzt zu beginnen. Das Prinzip lautet dabei: Widerständig leben und Kommunen aufbauen. Die generelle Ablehung von jeglicher Organisation, von kollektiven Entscheidungsfindungen wie Plena oder selbst die Abstempelung von Milieus als prinzipiell konterrevolutionär wirft dabei einige Fragen auf. Die Organisation des Aufstandes soll im folgenden durch verschiedenen Mittel der Entfliehung der Lohnrbeit vollzogen werden. Einzelne Kommunen sollen durch Mittel wie Selbstversorgung, Raub, Aneignung usw. relativ autark werden, sich vernetzen und so Territorien schaffen.
Kollektive Gemüsegärten, Subsistenzwirtschaft, Containern und Diebstähle werden aber kaum die weltweite Macht des Kapitals wegfegen. Einige Beispiele militanter Kämpfe aus der jüngeren Vergangenheit dienen danach als Vorbild, wie der Kampf gegen die Macht, von der des öfteren die Rede ist, geführt werden könnte. Der bewaffnete Aufstand sei schließlich das Ziel.
Der durchgehend appellative Charakter in diesem Abschnitt scheint dabei symptomatisch für den gesamten Text. Das gesamte Manifest ist in sehr großem Pathos verfasst und stellt letztlich die Forderung den Staat als Ursprung allen Übels von Heute auf Morgen Abzuschaffen. Die Lesenden sollen von der Notwendigkeit eines Aufstandes überzeugt werden. Jegliche Kritik oder Reflexion an Inhalten oder bisheriger (militanter) Praxis fehlen dadaurch allerdings völlig. Auch eine Ideologie-kritische Perspektive wird aussen vor gelassen.

Schließlich wird an anderer Stelle auch darüber diskutiert, ob Versatzstücke deutscher Ideologie mit dem Werk verbreitet werden, da die These, Entscheidungsfindungen seien nur in Notstandssituationen zu treffen vermeintlich auf Aussagen des NS Kronjuristen Carl Schmitt zurückgreifen würden. Auch eine prinzipielle Feindschaft zu Technik, Moderne und Demokratie wird dem Wekr an verschiedenen stellen Vorgeworfen.
Ein reaktionäres Pamphlet ist Der Kommende Aufstand keineswegs. Es stellt sich nur die Frage, ob die anvisierte Leser_innenschaft irgendetwas damit anfangen kann und, ob es einen bereichernden Beitrag für mögliche emanzipatorische Überwindungsutopien des Kapitalismus liefert.

siehe auch:
*kurze Buchbesprechung bei freie Radios

*Überlegungen von classless Kulla


5 Antworten auf „Der kommende Aufstand.“


  1. 1 indy nerdy 04. Januar 2011 um 0:30 Uhr

    gibt hier aktuell auch was zu banlieues

    http://risikozone.wordpress.com/revolte/

  2. 2 classless 04. Januar 2011 um 23:24 Uhr

    Ich würde die Lektüre des „Appel“ und der Tiqqun-Bücher empfehlen, die nahelegen, daß „Der kommende Aufstand“ durchaus ein bißchen darauf kalkuliert war, durch den Verzicht auf bestimmtes Vokabular und bestimmte Themen (wieder) mehr Leute zu erreichen.

    Für wen „Der kommende Aufstand“ „well d‘uh“ ist, an den ist er vermutlich auch gar nicht gerichtet.

  3. 3 farfalla 05. Januar 2011 um 13:36 Uhr

    danke erstmal für den lektüre tipp…vielleicht kann ich dem was abgewinnen.

  4. 4 farfalla 18. Januar 2011 um 14:47 Uhr

    jungle world im aktuellen dossier:

    „Schönes Sperrholz abzugeben

    Und zwar zum Schüren des Feuers der Revolte. Wie verhält es sich nun eigentlich mit dem derzeit kursierenden Manifest »Der kommende Aufstand«?“
    http://jungle-world.com/artikel/2011/02/42420.html

  5. 5 untervögelter philosophie student 18. Januar 2011 um 17:19 Uhr

    Welt am Sonntag
    Peter Praschl|

    „Anarchismus und Biokartoffeln: Was „Landlust“-Leser mit den neuen Revoluzzern gemeinsam haben – und warum sich die kommenden Aufstände gegen die Metropolen richten werden…“

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