Knut und das Ende eines deutschen Traums

Bevor hier die Schotten dicht gemacht werden, möchte ich der als humorvoll bekannten LeserInnenschaft dieses Blogs die folgende, heute erschienene Kolumne, nicht vorenthalten:

In Deutschland hat man wie immer nichts gelernt. Nach zwei Weltkriegen wird immer noch vor fremden Türen gekehrt. Panische Blicke sind auf Japan gerichtet und die Geiger-Müller-Zählrohr-Produktion boomt wie nie, deutsche Linke trauern um Gaddafis Macht und E10 wird jetzt mangels Absatz zum Anteil von 10% in Oettinger und Sternquell-Bier gemischt.
Währenddessen torkelt ein Eisbär mitten in Berlin in ein Wasserbecken und ertrinkt qualvoll. Niemand hilft. In Deutschland steht man, wenn man überhaupt zufällig in der Nähe ist und nicht mit dem Finger auf Jüdinnen und Juden oder andere Länder zeigt, daneben und schaut zu. Hier gibt es keine Pamela Anderson und keinen David Hasselhoff. Und so kommt es, wie es kommen musste: Nach dem bösen Erwachen aus der eigenen Katastrophe, die natürlich niemand kommen sah, schiebt man sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe.

Knut, der wie die germanische Rasse aus dem hohen Norden kam (also blutsmäßig), lässt einen ahnungsvollen Blick in die psychischen Tiefen der deutschen Gesellschaft zu. Es ist kein Zufall, dass sich die massenhysterischen Sehnsüchte ausgerechnet auf einen weißen(!) Eisbären, den König der Arktis, projiziert haben. Mit ziemlicher Sicherheit wäre ein solcher Medienrummel, und der auf den plötzlichen Tod folgende verzweifelte Aufschrei, einer Kobra, einer Vogelspinne, einer Hyäne oder was sonst noch alles so durch die dritte Welt kreucht, nicht zuteil geworden. Es ist, als wäre Deutschland zum dritten Mal besiegt worden. Und als ob das nicht ausreicht, fordern gutmenschelnde VertreterInnen der political corectness einen schwarzen Bären als neuen Star.

Zu den wenigen, die sich des Eisbären Schicksals von Anfang an annahmen, gehört die Gruppe PETA, die nicht nur den „Holocaust auf Ihrem Teller“ bekämpft, sondern sich auch für eine Knut-Gedenkplatte vor dem Brandenburger Tor stark macht. Preußentum und Raubtierliebe hätten so die Chance, in würdiger Verbindung zu stehen. Die HistorikerInnen von PETA geben aber andere Motive vor: „Das Brandenburger Tor ist ein Symbol der Freiheit. Knuts Gedenkplatte könnte an diesem Ort zum Mahnmal für alle Eisbären in Gefangenschaft werden.“ Falls PETA dies gelingen würde, wäre zumindest symbolisch der schlimme Speziesismus besiegt, denn mit einem Brandenburger Tor als Gedenkstätte zu Ehren gefangener und ermordeter Eisbären (Knut- das war Mord!) und dem Holocaust-Mahnmal zweihundert Meter daneben wären unterdrückte Tiere und Menschen endgültig in einen würdigen Einklang gebracht.

Dass Knuts Tod Mord war, ist unter TierfreundInnen spätestens seit der Todesnachricht klar, obwohl manche schon vorher eine Ahnung hatten. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes machte auch sofort deutlich, dass allein der Berliner Zoo die Schuld an der Tragödie trägt. Denn – und das muss ein für alle mal gesagt werden – es ist völlig unerheblich, ob Eisbären in Gefangenschaft durchschnittlich länger leben als in freier Wildbahn. Die Frage nach Schuld und Unschuld kann nämlich nur unter Menschen und nicht mit Bezug auf die Natur gestellt werden. Daher sind Menschen, die eingesperrte Tiere bewachen bzw. pflegen, selbst an deren verspäteten Alterstod immer noch mehr schuld, als die Natur, gegenüber der man eine solche Frage überhaupt nicht aufwerfen kann. Selbst wenn Knut, wie WissenschaftlerInnen nun vermuten, Opfer seiner Epilepsie wurde (und man stelle sich einmal den armen, von Krämpfen geschüttelten Bären in einer von schimmernden Polarlichtern erhellten Nacht vor), hat der Tierschutzbund also völlig Recht, unabhängig davon, ob Knut auch in Grönland von Eisbärinnen gemobbt worden wäre.

Das dicke Ende steht aber vermutlich noch bevor: Knut soll ausgestopft werden wie ein Tier! Da das schlimmer ist als bei Gunther von Hagens, formiert sich bereits breiter Protest. Anneliese Klumbies, die schon eine ganzseitige Traueranzeige im Berliner Tagesspiegel schaltete, verfasste eine Petition gegen die Ausstellung der sterblichen Überreste, die in wenigen Tagen von über 1300 Personen unterzeichnet wurde. Ob Großdemonstrationen vorm Naturkundemuseum oder eine endlose Schar von PilgerInnen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof: Berlin wird sich bald auf noch mehr aggressive TierrechtsaktivistInnen einstellen müssen. Im Bezirk Prenzlauer Berg wurden bereits Pennplatzbörsen eingerichtet und die örtlichen Behörden empfehlen, Hunde aus Sicherheitsgründen ohne Leine auszuführen.


7 Antworten auf „Knut und das Ende eines deutschen Traums“


  1. 1 dp 29. März 2011 um 7:53 Uhr

    Das ist kein Humor, das ist einfach nur bemüht, und daher langweilig.

    Noch tiefer als zum Panoramazweitverwerter kann anarchiadd kaum noch sinken. Dann vielleicht tatsächlich lieber Schotten dicht.

    Warum interessieren sich (anti)deutsch Linke und Anarchisten eigentlich nicht dafür, was da im mittleren und nahen Osten so los ist, was tatsächlichen jeweiligen die Ursachen sind und wohin die Entwicklung geht? Dass der Stein des Anstoßes die stark angestiegenen Nahrungsmittelpreise sind, sollte doch gerade Anarchisten nach Antworten suchen lassen. Auch die nachfolgenden Regime werden, das Problem nicht lösen können. Da stehen große soziale Verwerfungen bevor, das mit den Flüchtlingen auf Lampedusa ist gerade erst der Anfang und hier steht fast nur noch wirklichkeitsfremde belanglose Scheiße. Linke Szene Dresden == Geistig verödete Provinz, aber sowas von.

  2. 2 natalya 29. März 2011 um 22:08 Uhr

    Warum interessieren sich (anti)deutsch Linke und Anarchisten eigentlich nicht dafür, was da im mittleren und nahen Osten so los ist, was tatsächlichen jeweiligen die Ursachen sind und wohin die Entwicklung geht?

    [Ohne mich in „anti(deutsch) Linke und Anarchisten“ einordnen zu wollen…] Mich interessiert das, aber sowas von. Was sind denn die Ursachen?

  3. 3 dp 30. März 2011 um 7:26 Uhr

    Tragt doch mal selbst zusammen, oder zu faul?

    Ein hint gibts noch. Hier noch eine ergänzende Analyse aus Israel zum Artikel gestern zu Syrien. Wasser spielt dort wie z.B. auch in Jemen ebenso eine Rolle.
    http://atimes.com/atimes/Middle_East/MC30Ak03.html

    In Libyen kann das mit dem Wasser kein Grund gewesen sein, da gabs (aufgrund von großen auf Staatskosten erschlossenen Ressourcen im tieferen Untergrund [nubian aquifer]) bis jetzt kostenlose Wasserversorgung für alle. Mal sehen, ob das so bleibt.

  4. 4 fremdkörper 30. März 2011 um 13:05 Uhr

    dp, mit der panoramazweitverwertung hast du sicher recht. der text ist auch gar nicht für anarchiadd konzipiert gewesen, allerdings war mir die erwartung des rumgenöles es wert, den auch mal hier zu posten.
    aber mal ehrlich: zu inhaltlich tiefer gehenden beiträgen hatten sich hier noch nie nennenswerte diskussionen entwickelt.

    na das mit dem nubian aquifer hat aber zu einer starken absenkung des grundwasserspiegels geführt, der in der sahara wohl nicht so schnell wieder ansteigen wird. die nachbarländer betrifft das libysche projekt genauso, also lang wird das auch nicht gut gehen.

  5. 5 dp 30. März 2011 um 14:30 Uhr

    Mir ist klar, dass das Reservoir nicht unerschöpflich ist, dennoch wird es wohl noch 100 – 200 Jahre vorhalten. Mir gings auch nicht so sehr um eine Bewertung und Aufrechnung von Gaddaffis Wohl- und Schandtaten. Sondern dass das in Libyen als Revoltegrund wohl eher keine Rolle spielen kann. Da müssen andere Sachen im Vordergrund stehen. Hohe Lebensmittelpreise und Überbevölkerung gibts aber auch in Libyen. Und diese Probleme wird jede nachfolgende Regierung auch haben. In Libyen haben sie aber immerhin die Chance was mit dem Geld aus dem Öl anzustellen. Genau darum gehts dort eben auch gerade. Wird sich zeigen, was damit dann in Zukunft passiert. Sicherlich nichts Emanzipatorisches.

    Ganz unabhängig davon, warum der Westen dort wo eingreift oder es doch lässt. Bleibt die Tatsache, dass es momentan so aussieht, als wenn sich in direkter Nachbarschaft zu Europa lauter failed states mit all dem verbundenen Elend herausbilden. Entsprechend wird sich auch der Druck der Flüchtlingsströme auf Europa erhöhen. Politisch wirds dabei und dort sicherlich auch nicht gerade zivilisierter zu gehen. Erst recht, wenn die Menschen merken, dass ihnen die „demokratischen Revolutionen“ persönlich überhaupt nichts gebracht haben.

  6. 6 taz 30. März 2011 um 18:00 Uhr

    Knut macht alle verrückt, selbst posthum. Wie sonst ließe sich erklären, dass Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz zuletzt den „Hype“ um das frisch verstorbene Eisbärwunder kritisierte? „Ich hatte Knut auch gerne“, zitierte die FAS den gestrengen Tiervater, „aber in Japan sind über 20.000 Menschen gestorben.“ Wohl wahr. Fragt sich bloß, wer den Hype betrieben und weidlich daran verdient hat. Jedenfalls nicht die Japaner.

    Inzwischen schaukelt sich die Knut-Hysterie zum finalen Showdown hoch: Seit die Zooleitung angekündigt hat, das Fell des Eisbären ans Naturkundemuseum zu geben, damit dieses daraus eine hübsche Dermoplastik bastelt, brennen die Facebook-Barrikaden der Tierfreunde. Am kommenden Samstag wollen sie den Sturm der Entrüstung auf die Straße tragen – mit einer Kundgebung unter dem Motto „Stoppt die Ausstopfung von Knut“ vor dem Löwentor des Zoologischen Gartens. Die Anmelder erwarten 50 Personen.
    Was gegen die museale Wiederauferstehung einzuwenden ist? Vermutlich erscheint sie eingefleischten Knutomanen genauso pietätlos wie der Kirche die Leichenplastinate des Herrn von Hagens. Am Ende klebt noch ein Gör beim Klassenausflug dem Petz einen Kaugummi ins Fell. Nicht auszudenken.

    Schon eher ernst zu nehmen ist da die Kritik der Tierrechtler von Peta: Die fordern Zoochef Blaszkiewitz auf, das Eisbärzüchten ein für allemal aufzugeben. Schließlich entwickelten gerade diese Tiere in Gefangenschaft gravierende Verhaltensstörungen (zu beobachten auf www.peta.de/eisbaerlars). Wenn Blaszkiewitz unbedingt einen neuen Eisbären im Gehege haben wolle, schenke man ihm gern einen aus Plüsch.

    Da müssten ja aus dem Knut-Merchandising noch ein paar übrig sein.

    von taz.de 30.3.2011

  7. 7 fremdkörper 30. März 2011 um 22:58 Uhr

    @ dp
    sorry, hatte nur den artikel zu den kufra-oasen im kopf gehabt. da stand, nach 50 jahren wäre schluss. offensichtlich reicht das nubische aquifer aber richtig lang.
    deine kritik (bzw. differenzierungen) am libyschen und an anderen arabischen aufständen kann ich übrigens gut nachvollziehen. es ist ja nicht nur dort so, dass im falle eines diktatorensturzes islamisten und zum teil monarchisten in den startlöchern stehen. nur tunesien sticht (den jungle world-artikeln zu urteilen) positiv heraus. interessant ist die frage, warum ausgerechnet im fall libyen der jubel der „antideutschen“ linken so groß ist. ist es nur, weil hier bomben der nato fallen, oder weil sich gaddafi als weitaus aggressiver und unberechenbarer als die benachbarten diktaturen entpuppt hat? syrien wäre wohl ein heißer kanditat, das zu toppen.

    @taz
    ich habs ja geahnt! aber vielleicht endet die demo auch wie die pro-guttenberg-demonstrationen.

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