Archiv der Kategorie 'Kunst: Geschriebenes'

Was ist Anarchia Dresden?

Aus gegebenem Anlass gibt es an dieser Stelle die Möglichkeit, Meinungen, Ideen und Perspektiven für dieses Blog auszutauschen.
Die Frage nach dem Sinn und Unsinn des Anarchia Kollektivs, steht ja schon seit längerer Zeit relativ unausgesprochen im Raum. Um auch die aktuelle weltpolitische Situation miteinzubeziehen, möchte ich mich hiermit noch einmal klar gegen Atomkraft und für aktives Eingreifen der Weltgemeinschaft aussprechen.
Vielen dank für Ihre Aufmerksamkeit.

[edit: 04.04.11
…die kommentarfunktion ist bewusst deaktiviert! welches arschloch mit adminrechten hier auch immer wieder die kommentarfunktion freigibt, dem_der sei nur so viel gesagt: ich lösche alle weiteren komments!]

Kroatien: Anarchistische Buchmesse im April

Seventh Zagreb Anarchist Bookfair

The Seventh Anarchist Bookfair in Zagreb will take place on April 1st to April 3rd, 2011.

Anarchist Bookfair in Zagreb (ASK – Anarhisticki sajam knjiga) is annual anarchist event that aims to become a long-term, developing project. First six bookfairs went well, and we hope to bring in more and more people every year as participants, publishers, groups, projects – whoever is interested in what the bookfair has to offer. (mehr…)

Eingesendet: Anarchistische Buchmesse 2011 – Biel/Bienne (ch)

Liebe Leute,

nach einer kurzen Verschnaufpause haben wir uns wieder voller Elan an die Planung der nächsten anarchistischen Buchmesse in Biel/Bienne gemacht. Sie wird 2011 am Wochenende vom 3. bis 5. Juni stattfinden.

Als Betreuerin eines anarchistischen Verlages oder Vertriebes, als AutorIn oder als Mitglied einer libertären Organisation hast du die Möglichkeit, deine Bücher, Broschüren, Pamphlete, Zeitschriften, CDs, Bekleidung an der Buchmesse auszustellen. Grundsätzlich schätzen wir es, wenn du persönlich am Anlass anwesend bist, es gibt aber auch die Möglichkeit, uns Gratismaterial zu senden, damit wir dieses auflegen können. Wir bitten dich in diesem Fall, uns für genauere Informationen via E-Mail zu kontaktieren.

Tische und Stühle stellen wir selbstverständlich ebenso wie eine Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung. Um uns die Planung zu erleichtern, sind wir froh, wenn du bereits bei deiner Anmeldung angibst, wie viele Tische du ungefähr benötigst und wie viele Personen mit dir anreisen werden. Ein Tisch misst ca. 1,6 × 0,8 m. Um die unfallenden Kosten (Raummiete, Werbung etc.) decken zu können, werden wir pro belegten Tisch eine Standgebühr in der Höhe von 20 Franken erheben, die am ersten Ausstellungstag eingezogen werden wird. Sie soll dich aber keineswegs davon abhalten, an der Buchmesse teilzunehmen! Falls du dir den Betrag nicht leisten kannst, melde dich doch bitte bei uns. -->Hier gehts zur Anmeldung für die Büchertische. (mehr…)

Eingesendet: „Künstler und Verbrecher sind Weggefährten…“

„…Beide verfügen über eine verrückte Kreativität, beide sind ohne Moral, nur getrieben von der Kraft der Freiheit.“
- joseph beuys

ich war samstag im knast. theater gucken.
in der jva zeithain, 60 km nordwestlich von dresden, bei riesa.
in der ankündigung hieß es:

„NACHT EINSCHLUSS – Bewegungstheater frei nach „Göttliche Komödie“, Künstlerische Leitung: Jacqueline Hamann, Alexej Merkushev. Mit dieser Theaterproduktion begeben sich 12 Gefangene frei nach Dantes Visionen auf ihre Reise durch die Hölle. Erzählen Phantasien, aber auch erlebte Wirklichkeiten.“


durch gefangene realisiertes kunstprojekt an einer alten restmauer mit fliesen

der abend war… beeindruckend. zuerst die ankunft: wir durften keine handys, keine waffen, drogen usw. mit reinnehmen, klar. mussten unsere persos abgegeben (außerdem war eine vorherige telefonische namentliche anmeldung pflicht gewesen), bekamen dafür eine besucher*innenkarte. wir mussten aber nicht durch die überall aufgestellten metalldetektoren, womit uns schon mal mehr vertrauen zuteil wurde als z.b. angehörigen, die insassen besuchen wollen. dann mussten wir auf den schließ-menschen warten, der die vielen türen jeweils vor uns auf- und direkt hinter uns wieder zuschloss. leichte beklemmungen angesichts des von hohen zäunen durchzogenen hofes. verschlossene türen. erträglich, solange mensch weiß, in zwei stunden wieder gehen zu können.
(mehr…)

Eingesendet: kreis, dreieck, sternchen, rechteck, kreis mit zentrum

kreis
zahnräder greifen ich ist kalt
stahlblaue waffe entgleitet wie öl
zylinder kolben pfeifen weg
das förderband produkt gepackt

(mehr…)

Totenland

alles fällt ins Leere
alles steht in Frage
Vaterland überall
- kein Land in Sicht

(mehr…)

Eingesendet: Gedichte

manchmal habe ich angst

|eigentlich habe ich immer angst
|aber manchmal habe ich angst
|_____nichts zu tun zu haben
|nichts tun zu können
|_____was mich ablenkt von meiner angst
|nichts tun zu können
|_____was ich ihr entgegensetzen könnte
|nichts tun zu können
|_____das funktioniert und mir vertrauen
|_____oder sogar mut geben könnte
|womit ich meine angst besiegen könnte
|_____und leben könnte ohne angst
|leben ohne angst zu haben und
|_____ nichts mehr zu tun
|um vor der angst zu fliehen
|_____ nichts mehr zu tun
|um sie zu verleugnen
|_____nichts mehr zu tun
|um zu versuchen, sie zu überwinden
|_____nichts mehr zu tun
|_____davor hab’ ich angst

manchmal hoffe ich

|eigentlich hoffe ich immer
|aber manchmal hoffe ich
|_____nicht mehr warten zu müssen
|nicht mehr warten zu müssen
|_____bis das worauf ich hoffe eintritt
|nicht darauf zu warten
|_____dass das worauf ich hoffe nicht eintritt
|endlich leben zu können ohne zu erwarten
|endlich erleben können und wahrnehmen
|_____und erst nachher merken
|_____was ich eigentlich gehofft habe
|ob ich überhaupt gehofft habe
|nicht mehr zu hoffen
|_____darauf warte ich

negativansicht

bilder von dem glück das es niemals gab
als ersatzbefriedigung per bildschirm in mein hirn projiziert
so eckelhaft schön das ich heulen möchte
eine so wunderbare verbildlichung das ich kotzen möchte

mir soll es gut gehn? ich soll mir mal zeit für mich nehm,
na schön… dann lass ichs mir gut gehen,
drogen, fernseher, masturbation – kleine, bunte comicwelt.
es soll mir gut gehn?
ich kann euch nicht mal schmerzfrei beobachten,
kann es nicht ertragen wie ihr alle so happy seid
und in gütigkeit
auf mich herabblickt,
mitleid heuchelt,
wenn das nicht reicht verständnis

umarm mich nur,
fühlst du den auswurf meiner seele?
riechst du den fauligen gestank der schwarzen galle?

wir wissen beide, dass der heldenpathos gerade reicht um über den tag zu kommen,
aber ich weiß was was du nicht weißt,
ich weiß was unser held nachts macht,
wenn er allein ist,
wenn das licht aus ist.

ich kenne seine gedanken,
scheiße, ich kenne jede erbärmliche regung in seinem gemüt,
jede verdammte assoziation,
tag und nacht

lässt sich nicht behandeln
will nicht behandelt werden
will nur in selbstmitleid zerfließen
und überdröhnt werden

gib mir einen äußeren feind,
dann hält der innere die fresse
wenn du wüsstest, wie gut dieses schweigen tut,
wie seelig es ist, wenn es aufhört

der schlagstock – ein freund
der schnaps – ein freund

scheiß auf die motivation,
nehmen was da ist, nur bloß nicht akzeptieren
verrückte welt,
in der einem ein ehrliches lächeln den Verstand raubt
und ein schlag ins gesicht ihn wieder zurück bringt

Abends im Paradies

Wohin ich geh, ich weiß es nicht,
der Weg scheint mir nicht klar,
nur Zweifel frisst und nagt an mir,
und war schon immer da.

Was du mir bist, ich weiß es nicht,
mein Blick erscheint dir starr,
nur Worte form und schenk ich dir,
war niemals eines wahr.

Wohin ich geh, ich weiß es nicht,
ganz gleich was einmal war
nur Frustration und Wut in mir
mein Lächel es wird rar

Bierdichtung zum Frühling

Das Plenum wird heut warten müssen,
denn neue Begeisterung ist eingekehrt
und ich will lieber deine Lippen küssen.
Lebenslust schafft Anarchie – nicht umgekehrt.

Der Frühling – ein alter Kampfgenosse -
bringt wieder Farbe in die graue Gosse
und auch das Sternie schmeckt mir wieder
und frisch und neu kling‘ alte Lieder…

Kommt, wir steigen zum Frühling auf die Häuserdächer,
und füllen halb zwölf im Sonnenschein die Becher!
Aus verrauchter Hinterzimmer abgefuckter Pracht,
sind wir alle ans Licht gebracht!

Schon spür ich neue Lust mit Bullen mich zu balgen
und durch die Straßen zu ziehen als gehörten sie noch uns.
Vergessen, die winterlichen Gänge an den Galgen,
heut trink ich wieder mit Meyer, Hinz und Kunz!

Jetzt geht das wilde Leben wieder los,
nun geben wir der CDU den Gnadenstoß,
und findets auch die Staatsgewalt nicht fein:
Hier bin ich Punk, hier will ichs sein!

Zugegeben, ein wenig spät eingereicht, aber was solls.

Finden & Verlieren

für N.

sich finden und sich verlieren
sich finden und wieder verlieren
flüchtige Sonnenaufgänge flüchtender Menschen
für einen Moment die Hast, die Angst vergessen.

sich einander streifende Existenzen,
gütig durchschienen vom -wieder-belebenden Licht.
im strahlenden Schein der Augen
langgesuchtes gefunden:
den bittersüßen Hauch von Ehrlichkeit

sich suchen, sich finden und verlieren
erst Neugier, dann Angst, schließlich Extase
am Ende der Herbe Geschmack Sehnsucht

sich verlieren?
…im Moment
…im Gefühl
sich verlieren!
…in der Gewissheit nicht allein zu sein
sich finden,
…in neuer Emotion

sich finden in Dankbarkeit!

Heimflug.

Verwundert unterbrechen mehr und mehr Menschen ihre morgendliche Hast zur Arbeit, ins Restaurant oder was auch immer das Ziel ihrer gehetzten, abgehackten Schritte werden sollte. In die kalten, ausdruckslosen Gesichter der Passant_innen ist ein kleiner Hauch kühner Neugier getreten. Der Grund dafür ist ein Raumschiff, mitten auf dem Köllner Domplatz! Die meisten Leute stehen in einem Sicherheitsabstand von 50 Metern um das Objekt, andere wollen nicht so offensichtlich zum gaffen anhalten und bewegen sich in einem unauffälligen Schlenderschritt, der ihnen trotzdem erlaubt das Spektakel in aller Ruhe zu betrachten. Das UFO hat eine sonderbare Farbe, ein leuchtendes Orange und ist mit seltsamen Lichtanlagen ausgerüstet. Auf der Außenhaut befinden sich merkwürdige Schriftzeichen: „RETTUNGSWAGEN 112″. Die sensationslüsternde Menge versucht mit großen Augen das Alien zu erspähen, welches sich hinter der dünnen Hülle versteckt. „Seltsam,“ denke ich, „wurde der Außerirdische doch keines Blickes gewürdigt als er vor einer halben Stunde neben dem Hauptportal des Domes die Metamorphose für den Abflug initiierte und sabbernd zusammenbrach.“

Auch ich werde nicht beachtet, wie ich mit der ausgefransten Mütze vor mir liegend, zitternd auf der Straße sitze. Die vorübergehenden Menschen denken, ich sitze da und warte auf eine „milde Gabe“, sie ahnen nicht, dass auch ich nur auf mein Raumschiff warte, dass mich heimträgt.

Samstagnachmittag

Ich möchte darauf hinweisen, dass dieser Text aus einem „szene-internen“ Blickwinkel heraus geschrieben ist, was Menschen die sich nicht innerhalb der selbigen bewegen etwas verwirren könnte, da einige Bilder sehr zugespitzt dargestellt sind. Ich möchte mich außerdem bei meinen Freund_innen dafür entschuldigen, dass ich es so selten schaffe auch die positiven Seiten unseres Alltags darzustellen.

Kippe rauchend sitze ich in meinem Zimmer und denke über die Gestaltung meines Lebens, meine Taten und meine Überzeugungen nach. Ja, auch solche Momente gibt es im Alltag eines „linken Extremisten“, der mit Nazis, die erneut Millionen von Menschen vergasen würden auf einer Stufe steht, zumindest wenn es nach den CDU-„Experten“ wie Herrn Dr. Jesse geht. Ich sitze da also in meinem schlecht beleuchteten, viel zu kleinen und bis zum Erbrechen zugestellten Zimmer, starre verloren an die niedrige Decke und lass meine Gedanken schweifen. Ich weiß ziemlich genau, wo ich hin will, was ich erreichen will und warum. Doch meine Träume scheitern so oft an der Traumlosigkeit anderer Menschen… Mir wird bewusst, wie tiefgreifend die Philosophie ist, die besagt, dass mensch zur eigenen Freiheit erst alle anderen Menschen befreien muss. Im Umkehrschluss bedeutet das letztlich nichts anderes, als dass ich, in jedem Moment wo ich mir meine Freiheit nehmen lasse, auch die Freiheit aller anderen bedrohe. Das ist dir zu abstrakt? Okay, ganz einfaches Beispiel: Wenn ich im Zug sitze und meine Fahrkarte kontrolliert wird und aus irgendeinem kuriosen Grund habe ich sogar eine dabei und zeige sie brav vor, bringe ich dann nicht alle in Gefahr die reisen wollen, auch ohne Geld für eine Fahrkarte? Wenn alle das Vorzeigen einer Fahrkarte verweigern würden, was wollte der/die Kontrolleur_in dann machen?

Dies ist nur einer von vielen gedanklichen Ausflügen an diesem Abend und die meisten enden ähnlich: ich bemerke wie sehr ich Teil meines eigenen Problems bin. In den Diskussionen am Nachmittag wurde wie immer viel über das Fehlverhalten von anderen Menschen erzählt. Es wurde zum Teil von Herrschenden, Bonzen, Yuppies und [beliebigen Sündenbock hier einsetzen] gesprochen, doch wo bleibt die Selbstreflexion, die Ehrlichkeit? Sicher die oben genannten Personengruppen tragen natürlich viel dazu bei, dass die Welt so ist, wie sie ist, Aber wie viel besser sind „wir“ (die mit den schicken schwarzen Klamotten, den coolen Phrasen und modischen A-Aufnähern) denn?

Kaufen wir ein? Ja, – aber natürlich nur bei dem kleinen Laden um die Ecke, da der natürlich der/die gute Kapitalist_in ist (vgl.- Springer, Demonstrant – gut/ böse). Brauchen wir Gruppenidentität? Natürlich nicht, aber Szeneklamotten, unverständliche, politische Fachbegriffe und die feste Überzeugung alles besser zu wissen und sowieso recht zu haben, sind für eine bessere Welt einfach unvermeidlich.

Naja, dann ist ja an sich alles super, wir haben es drauf und die ANDEREN (also der beschränkte Pöbel) muss es nur noch merken.

…Denkpause, muss nächste Kippe rollen…
*anzünd*
*zieh*
Ah, herrlich dieses unvergleichliche Aroma von American Spirit kommt aber nur richtig raus, wenn mensch dazu die dünnen von OCB benutzt. So, noch nen Schluck von der, aus irgendeinem Grund politisch korrekten, „Club Mate“ und dann geht’s weiter…

*rülps* So, weiter im gedanklichen Ausflug, umrahmt von der antikapitalistischen Tristesse meiner autonomen Abstellkammer. Wenn mensch mit verschiedenen Leuten Diskussionen über die Änderung der Gesellschaft und die Rolle, die eine „autonome“ „Bewegung“ darin inne hat, führt, dann wird mensch meist auf sehr ähnliche Standpunkte stoßen, die sich vereinfacht in 3 Gruppen zusammen fassen lassen. Da gibt es zum einen die, die in der Bewegung stecken und (fast) jeder Person, die nicht die kulturelle Grammatik (also die Szenecodes) selbiger befolgen die Fähigkeit und den Willen zur gesellschaftlichen Veränderung absprechen. In diesen Kreisen findet mensch dann auch am ehesten die oben beschriebene Unfähigkeit, bzw. den Unwillen die eigenen Widersprüche zu erkennen. Hier würde ich mich dann auch verorten, wenn gleich ich mich um Besserung bemühe. Ganz ehrlich!

Auch recht häufig kommt mensch mit Aussteiger_innen oder Leuten, die sich innerhalb der Szenedunstkreise bewegen in Kontakt. Von dieser Seite hört mensch dann oft sehr treffende und erbarmungslose Kritik, die meist mit der Konsequenz der politischen Lethargie gekoppelt ist. Die Mängel werden erkannt, auf Blogsport-Seiten, Indymedia-Kommentaren, in zufälligen Gesprächen, Diskussionsveranstaltungen oder Aushängen im örtlichen AZ, gerne sehr vulgär, dargelegt und zum Anlass genommen sich darüber hinaus gänzlich aus der aktiven Politik raus zu halten, weil die „Szene“ ja eh scheiße ist.

Schlussendlich gibt es dann noch eine nicht gerade geringe Zahl von Leuten, die sowieso keinen Funken Hoffnung auf irgendeine breite Verbesserung in dieser Welt hat und die jedem rät, den eigenen Arsch zu retten und zu erkennen, dass jegliche Aktivität darüber hinaus nur zu Lasten des Steuerzahlers geht und sowieso keine Erfolgsaussichten genießt.

Alle drei Stereotypen kotzen mich gleichermaßen an (auch wenn es darüber hinaus und dazwischen natürlich unzählig mehr Meinungen, Positionen und Macken gibt). Die einen machen Aktionen für die Szene und fürs Ego, ohne sich noch mit kritischem Blick von außen betrachten zu können, die anderen betrachten nur noch von außen, zu bequem oder resigniert, um aus ihren Einschätzungen und Schlussfolgerungen etwas Konstruktives erwachsen zu lassen. Letztere haben ihr geistiges und utopistisches Potential meist schon völlig über den Jordan geschickt, suchen höchstens nach Gründen, mit denen sie ihre Einstellung legitimieren können und gammeln mit Lohnarbeit und Glotze der Rente entgegen.

„Da kann mensch schon depressiv werden.“, denk ich mir und lege die dazu passende Musik ein: in diesem Fall „Deine Lakein“ mit Liedern wie „2nd Sun“.

Ich habe mir gerade eine Flasche Billigschnapps hoch geholt und will mich an einer Welle theatralischen Selbstmitleids berauschen, da stört von der Straße kommender Lärm das herrlich emotionale Klaviersolo. Ein Gruppe halbstarker, flaumbärtiger Jungs in trendigen Markenoutfits zieht vor meinem Fenster gröhlend über die Straße, markiert urinierend ihr Revier und macht einem, für sie wohl sehr attraktiv-erscheinenden, Mädchen lautstark und äußerst direkt die „Aufwartung“.

Meine Gedanken, dadurch jäh aus der melancholischen Grundstimmung gerissen, schlagen einen neuen Kurs ein. Nachdem ich die vorbeiziehenden Macker aus dem Fenster vollgepöbelt habe, denke ich darüber nach, dass es in der ganzen Debatte um die Neustadt eigentlich um viel mehr geht. Die Wut, die Empörung und die ganze Hetze gegen die bösen, die anderen ist nicht nur eine Frage des Kapitals.

Es ist eine Frage von Lebenseinstellungen; von den D.I.Y.-Punkern, abgedrehten Irren, antiautoritären Hippies, den Rolling Stones singenden Alkoholikern und den tausenden anderen unkonventionellen Gestalten zu saufenden Party-Prolls, Leuten, die nach einem harten Arbeitstag aus verständlichen Gründen einen ruhigen Feierabend haben möchten, Leuten die sich aus weniger verständlichen Gründen eine florierende Wirtschaft im Viertel wünschen, Menschen, die gerne Luxus genießen ohne mit den Anzug tragenden Zombies auf dem Weißen Hirsch zusammenzuwohnen und auf beiden „Seiten“ viel zu viele Leute, die sich darüber noch nie Gedanken gemacht haben.

Es ist also oft auch ein persönlicher und weniger ein gesellschaftliche Konflikt, in dem ein demolierter Mercedes schnell eine revolutionäre Tat und das Anzeigen von stillen Besetzer_innen schnell eine Maßnahme für die Sicherheit der Nachbar_innenschaft wird. Von allen Seiten blinken in Leuchtschrift Worte wie „verkürzt“, „Frontenbildung“ usw. auf.

Da stellt sich die berechtigte Frage: wo steh ich in diesem Krieg? Von Neutralität kann ich bei mir nicht sprechen, habe ich für die Macken der „Szene“ doch eindeutig mehr Verständnis als für die Macken der anderen. Trotzdem ist es doch so, dass uns weniger persönliche Differenzen zu Feinden machen, als die Spielregeln des Systems, die uns gegeneinander ausspielen. Während ich das schreiben unterbreche, um abzuaschen, bin ich der Meinung hier gerade eine große Erkenntnis abgetippt zu haben. Spinnen wir den Faden also mal weiter. Ich hoffe du bist noch nicht eingeschlafen. Die persönlichen Feindschaften gibt es ja trotzdem. Zum Teil sind die wirklich durch völlig entgegengesetzte und mit sich unvereinbare Ansichten begründet. In den meisten Fällen sieht es doch aber eher so aus, dass Personengruppe A, Personengruppe B nicht annähernd vermitteln kann, warum sie so denkt und lebt wie sie es nun mal macht. So versteht Anwohner_in A vermutlich nicht, warum ihre lang ersparte Karre vom Autonomen XY in einer Anti-Gentrifizierungsaktion abgefackelt wird. Genauso wenig versteht Punker_in D, warum Nachbar_in K bei einem Konzert gleich die Bullen holt, damit die Kids ab 22 Uhr pennen können.

Irgendwie scheint der Gedanke, es mal mit Kommunikation zu versuchen, sehr vielen Akteur_innen verloren gegangen zu sein. Es scheint viel leichter, immer die Unterschiede und das Störende im anderen Menschen zu sehen als das Liebenswerte oder die Gemeinsamkeiten.

So, und jetzt fragen wir uns beide mal, also ich als tippender und du als hoffentlich noch lesender Mensch, ob das nicht genau Teil der kapitalistischen Philosophie vom Existenzkampf gegeneinander und Ausdruck der dadurch atomisierten Gesellschaft ist, die immer kritisiert werden. Vielleicht ist das ja alles ein Ansatzpunkt mal wirklich was zu ändern. Einige sind dieser Meinung und auch wenn es ein langer Weg ist, vielleicht stellen sich die Monster, die wir immer bekämpfen, ja doch bei einem Blick über den Tellerrand als Menschen heraus und vielleicht sehen wir ja, bei einem ehrlichen Blick in den Spiegel, dass auch wir zum Teil Monster sind.

Gegen Gruppenidentitäten, dogmatische Ideologien und den ganzen anderen Scheiß, der uns zu Nazis macht!

Luftschlosskämpfe

- den Hausbesetzer_innen

Sie versuchen uns zu vertreiben,
aus unseren verfallenen Hütten,
und heruntergekommenen Gemäuern.

Für uns sind es Burgen und Schlösser,
deren morsche Mauern wir mit Geschichten,
Bildern und Liedern füllen.

Wir sind die fröhlichen Raubritter unserer Zeit,
in unseren einfachen Festungen
lieben und streiten wir uns,
teilen wir den Hunger und den Überfluss.

Unsere Häuser sind unsere selbstgebauten Traumfabriken,
für die es in der grauen Welt des Funktionierens
keinen Platz mehr geben soll.

Aus diesem Grund
schicken sie ihre Armeen aus,
schleifen unsere Luftschlösser,
schlagen auf uns ein
zerstören unsere Schätze.

Sie können uns gut vertreiben,
doch uns besiegen -
das können sie nicht.

Denn der Quell unserer Kraft, sind unsere Träume
und unsere Träume lassen sich nicht töten,
sie werden klingend über die Welt tanzen
und sich immer neue Burgen suchen
wenn unsere Häscher schon längst
zu Staub zerfallen sind.

Besetzt eure Leben zurück!

Eingesendet: Latte Macchiato und Pfandflaschen

von DreadEye

Es ist Samstagabend und ich stehe am Fenster und überlege, ob ich mich noch mal aufraffen soll, um irgendwo hinzugehen. Wohin wüsste ich nicht. Einfach der Nase nach… Ich hab’ diesen Drang etwas zu unternehmen, etwas zu erleben…ich bin müde. Heute morgen früh aufgestanden. Hab ein bisschen für die Uni gelernt- irgendein sinnloses Grammatikzeugs, das kein normaler Mensch braucht, um zu leben. Bin dann heut Mittag für’n paar Minuten eingenickt und wenn ich jetzt meinen Hintern hoch kriege und die paar Schritte aus dem Haus in die Innenstadt mache, halt ich bestimmt die halbe Nacht durch, wenn nicht sogar bis zum Morgen. Der lässt an einem so schönen lauen Frühlingsabend dann so oder so nicht allzu lang auf sich warten. Und eh man sich versieht, hat man die Nacht dahingetanzt und steht morgens um sechs Uhr beim Sonntagsbäcker, um sich schnell noch vor dem Schlafengehen ein kleines Frühstück zu genehmigen.
Aber. Ja, hier kommt das lahme, unmotivierte und so gar nicht lebenslustige, ernste ABER:
Aber wenn ich rausgehe, die Nacht durchtanze, dann ist der Tag morgen auf jeden im Eimer und ich komme zu nix mehr. Ich muss aber definitiv noch was machen. Hab heute nicht so viel geschafft, wie ich eigentlich geplant hatte. Und ich hab’ noch ohne Ende Zeugs zu lesen und durchzuarbeiten. Ganz zu schweigen von den Essays und Referaten, die ich alle bis zum nächsten Monat fertig haben muss. Danach sind nämlich Prüfungen. Und dann noch Zwischenprüfungen. In letzter Zeit weiß ich vor Arbeit kaum noch, wo mir der Kopp steht. Es ist frustrierend ständig ins Leere zu arbeiten und zu lernen, ohne ein Ende zu sehen. Ohne den Hauch einer Vorstellung davon, wie es sein könnte, wenn man irgendwann auch mal fertig ist mit dem Studium. Wenn der Druck raus ist, es zu etwas bringen zu müssen. Wer zu sein. Auf die Frage ‚Was machst du?’ mit einem ‚Ich bin Lehrer.’ Antworten zu können. Und dann…
Was dann…? Soll’s das dann gewesen sein? Bloodclat! Das hört sich glatt wie ne ausgewachsene Mid-Life-Crises an. Dabei bin ich doch erst (oder doch schon?) fünfundzwanzig. Sollte man nicht in dem Alter oder überhaupt irgendwann einmal sinnlos durch die Welt ziehen? Das tun, was einem das kleine Teufelchen auf der Schulter zufällig grade ins Ohr flüstert? Nicht an ein Morgen denken…?
Ich drehe mir eine Zigarette, um mir eine Gedankenpause zu gönnen und blicke auf die Strasse herunter. Direkt auf der anderen Straßenseite haben sich vier Motorradpolizisten in schillernden Neonwesten mit der Aufschrift Verkehrspolizei auf das Straßengeländer gesetzt. Sehen aus wie Hühner auf der Stange, die auch nicht wirklich wissen, was sie da sollen, aber sich trotzdem einzureden versuchen, dass alles seinen Sinn hat.
Es juckt mir in den Fingern jetzt ein schön aussagekräftiges Lied aufzulegen und laut aufzudrehen, so dass die Herren auf der anderen Straßenseite sich mal kritisch-konstruktiv (und natürlich aus sicherer Entfernung- bin ja kein Held!) mit meinem Standpunkt auseinandersetzten können. Ich spliffe so vor mich hin und lass Alborosie’s „Policeman an Soldier fe stop pressure Natty Dreadlock“ laufen. Was für ein pubertärer Blödsinn! Als ob die das kratzen würde! Als ob die das mitschneiden würden- schließlich hänge ich meinen Hals ja drei Stockwerke über ihnen aus dem Fenster und dazwischen liegt noch ne vierspurige Strasse mit Bushaltestelle, an der die Herren sich anscheinend amüsiert den Abend um die Ohren schlagen wollen.
Ich geh’ mir selbst mit meiner Art auf’n Zeiger und mache den Männern ein Friedensangebot, indem ich „One Love“ von Marley auflege. Sind doch auch nur stinknormale Menschen, die ihren Job machen. Könnte mir gut vorstellen, dass die sich auch ne angenehmere Samstagabendbeschäftigung wünschen, als an der Alberstrasse rumzustehen. Aber warum stehen die da rum? Für ne simple Streife sind vier auf jeden Fall zu viele und um die Dynamo Fans aufzuhalten sind’s zu wenige, falls die sich entscheiden sollten nach dem Sieg ihrer Mannschaft mal wieder n bissel randalieren zu gehen. Also wat steh’n die da rum?!
Ich erinnere mich an den Abschnitt Grammatiktheorie, den ich heut’ Nachmittag gelesen hab. Ging um die sogenannte Frame-Script-Theorie Bedeutet etwa soviel, dass wir Sätze als zusammengehörigen Text erkennen, auch wenn keine Beziehungsanzeigenden syntaktischen Verknüpfungsmittel zwischen den Sätzen stehen. Wir werden durch gewisse Signalwörter oder allgemeiner durch Zeichen auf einen außer sprachlichen, realitätsbezogenen Sinnzusammenhang verwiesen. Diesen Sinn erschließen wir aus den semantischen Feldern der Begriffe oder Zeichen, die aus unserem Erfahrungsschatz ein bestimmtes Welt- oder Handlungswissen aktivieren. So können wir aus Sätzen, die augenscheinlich d.h. grammatisch nichts miteinander zu tun haben, einen Kontext bestimmen, der die Sätze auf einer tieferen Ebene verknüpft. Ergo sagen mir die vier Verkehrspolizisten, dass gleich etwas Größeres in Sicht kommen muss.
Wie um meinen Gedankengang zu bestätigen fahren mit einem Mal mindestens zehn Mannschaftswägen vor, aus denen eine knappe Hundertschaft in kompletter Einsatzmontur springt. Also passiert hier gleich wirklich was! Ich entschließe mich, es mir am Fenster gemütlich zu machen, um die Ereignisse zu verfolgen und hole mir ein Glas Wasser, dreh mir noch ne Zigarette (diesmal ohne pubertären Beigeschmack) und beobachte aus der Vogelperspektive, wie sich die Damen und Herren vom Einsatzkommando bei ihren Kollegen von der Hühnerstange einrichten. Ein paar lehnen sich locker gegen die Einsatzwägen und rauchen, andere stehen in Grüppchen zusammen und unterhalten sich. Wenn sie keine Uniformen tragen und nicht unbedingt wie bestellt und doch nicht abgeholt an der Strasse rumstehen würden, könnte man den Anblick für normal halten. Aber so…? So werd’ ich das Gefühl nicht los, dass hier heute noch wat vorbeikommen muss. Es fahren einige Kranken- und Feuerwehrwägen runter zur Altstadt. Vielleicht ne Dängelei…?
Mir fallen noch zwei weitere, größere Wägen auf, die direkt hinter der Ampel beim Fußgängerübergang zur Hauptstrasse geparkt sind. Die scheinen den Eingang zur Innenstadt dichtmachen zu wollen oder umgekehrt, etwas aufhalten, was sich in Richtung Neustadt bewegt. Alborosie, den ich mittlerweile wieder aufgelegt hab, erzählt mir davon, wie er nachts um neun durch die Strassen von Kingston läuft und ich schaue hoch zur Turmuhr der Dreikönigskirche: In Dresden ist es etwa viertel vor zehn- mitten in der blauen Stunde eines gediegenen Frühlingsabends. Doch unten auf der Alberstrasse am Jorge-Gomondai Platz versammeln sich die Anzeichen einer weitaus weniger gediegenen Nacht, während sich immer mehr Menschen bei den größeren Wägen stauen. Sie sehen aus wie Passanten, die vom Sportclub Grün-Weiß angehalten oder gewarnt werden nicht weiter zu gehen. Es werden immer mehr. Sie stehen einfach nur da. Warten.
Eine kleine Gruppe von Jugendlichen lässt die Menschenansammlung rechts liegen und läuft auf den Straßenbahnschienen Richtung Elbe. Ein oder zwei sind sogar so mutig mitten durch die Hundertschaft zu laufen. Das riecht nach Provokation. Fragt sich nur, wer zuerst die Nerven verliert. Ich schnappe mir meine Schreibmaschine und fange an, wie wild Wortfetzen auf das Papier zu hämmern. Und tatsächlich pöbeln die Jungs und Mädels die „Kackbullenschweine“ an, allerdings erst nachdem sie mitten durch die Einsatzleute hindurch und auf sicheren Abstand gegangen sind. Die jedoch lassen sich davon nicht wirklich anheben und funzeln nur ein bisschen mit ihrem Halogenstrahler hinter dem Grüppchen her, worauf die erst richtig aggro werden. Die Kids wirken, als ob sich durch alles provozieren lassen würden, schließlich gehen zwei sogar aufeinander los und müssen vom Rest der Gruppe auseinander gehalten werden. Es ist traurig, so viel überschüssige Energie in stumpfe Aggression und Destruktionspotential umgesetzt zu sehen in den Kids zu sehen, von denen keiner zu wissen scheint, wohin mit sich selbst und all den Emotionen. Der Anblick der Polizisten ist nur der Auslöser dafür, aber weder Ursache noch Ziel. Zumindest kommt es mir so vor. Schließlich bin ich kein Hirnklempner, der behaupten könnte, das läge alles an traumatischen Kindheitserlebnissen oder ähnlich fadenscheinige Begründungen für ein Verhalten, von dem man nicht sagen will, dass es Teil der menschliche Natur oder schlicht unerklärbar für unser Gesellschaftsbild ist. Ich frage mich, ob ich auch mal so gewirkt habe, ob ich auch mal so gewesen bin. Oder bin ich es immer noch, ohne es zu merken? Vielleicht hab ich nur mehr Erfahrung und kann meine Aggressionen besser oder zumindest anders kanalisieren, als mich mit einem Haufen gepanzerter Schlagstockschwinger anzulegen. Vielleicht bin ich auch nur feiger geworden, weil ich erlebt hab, was die können, wenn die wollen oder sich gezwungen fühlen, was manchmal für gewisse Herren das gleiche ist. Dennoch kann ich das Gefühl der Youths, dieselbe Unruhe in mir spüren, die die da unten antreibt. Es muss doch was passieren! Ganz egal was. Nur raus aus der zermürbenden Routine, die einen kontinuierlich auf ein unbestimmtes, den eigenen Vorstellungen und Wünschen fremdes Ziel zu treibt. Weg von dem Eindruck, dass man eigentlich ein ganz normales Leben in einer paranormalen Welt führt. Weg von der Bedeutungslosigkeit, die sich in der Suche nach dem vermeintlichen Sinn des Lebens verbirgt.
Plötzlich dröhnt Musik los. Kein bestimmter Sound. Nur etwas, was sich durch die total überlasteten Boxen als Aggro-Techno beschreiben lassen könnte. Von der Musik, wie von Licht angezogen, hat sich eine Traube von dreihundert oder vierhundert Menschen um die Wägen versammelt. Doch ne Demo? Aber wofür? Oder wogegen? Scheint ja gewissermaßen attraktiv für die freunde der Nacht zu sein, aber um diese Uhrzeit kann man doch nun wirklich nicht mehr damit rechnen die Aufmerksamkeit der schlummernden Massen zu erwecken.
Es ist kurz vor zehn. Wenn das eine unangemeldete Veranstaltung sein sollte, dass wird sie spätestens um zehn wegen Ruhestörung aufgelöst- aber dann hätte man doch schon früher eingegriffen. Schließlich standen hier schon die Beamten rum, als noch kein Demonstrant weit und breit in Sicht war. So scheint mir das Ganze trotz augenscheinlichen Widerspruchs einen Plan oder zumindest eine Absicht zu verfolgen. Ich höre verschwommen, wie sich jemand an die Menge wendet. Man versteht nicht wirklich was; zumindest aus diesem Hörwinkel. Alles verschwimmt in einem Geräuschbrei, während sich die Einsatzleute auf der Strasse in Stellung gehen. Sie bilden einen Trichter entlang der Fahrbahnmarkierung. Also wird es eine Demo. Oder zumindest wird es ein Marsch. Ob es eine Demo wird, kann ich im Moment nicht wirklich beurteilen: der Mann am Mikro erzählt zwar irgendwas, aber mehr als kontextlose Wörter kann ich kaum verstehen.
Freiheit! Die Menge jubelt. Ein Freund des Sprechers, dem irgendwas Schlimmes passiert sein muss. Gespanntes Raunen. Die Luft über der Menge schmeckt nach Adrenalin. Man wird anscheinend politisch; erwähnt Deutschland, Europa, die Alaunstrasse. Was wollen die? Eine Frauenstimme löst den ersten Sprecher ab. Sie ist etwas besser zu verstehen, als die aufgeheizt und aufheizende Stimme ihres Vorgängers. Sie sagt aber auch nicht viel mehr. Man will tanzen. Tanzend demonstrieren. Soll das hier ein Love-Parade Revival werden, oder was? Dafür seid ihr mal knapp zwanzig Jahre zu spät liebe Leute!
Es geht los. Die Masse setzt sich in Bewegung. Getanzt wird allerdings noch nicht. Die Menge biegt auf die Strasse ein, wo sie von der Exekutive des Landes Sachsen umringt werden, als wolle man sie abführen. Das die auch immer gleich so übertreiben müssen! Da stehen dreihundert Leute um einen Ghettoblaster auf vier Rädern und dafür braucht man, allen Ernstes, knapp hundert Polizisten?! Man könnte Steuergelder auch für unsinnigere Unternehmen, wie Schulsanierungen oder so ausgeben. Aber was soll’s- die müssen es ja wissen. Ist auch bestimmt ein gutes Training für den Obama Besuch in zwei Wochen. Schon mal das Einkesseln und Auflösen für den Ernstfall üben.
Die Kolonne steht jetzt direkt unter meinem Fenster und es sind schon ein paar echt bunte Gestalten da unten versammelt. Ich erkenne sogar die Sprüche auf einigen Pappschildern:
Tanzt Deutschland nieder! Oi! Oi! Oi! oder Gegen Repression und Bullengewalt! und Freiheit für die Gefangenen von Straßburg! Der Knilch am Mikro bittet die Menge, wohl auf Geheiß der Grün-Weißen, sämtliche Glasflaschen an den Straßenrand zu stellen. Solange müsse die Musik ausbleiben und der Zug dürfe nicht fortgesetzt werden. Auf dem ersten Wagen wird die Musik auch ausgemacht, aber die Technoheads vom hinteren Wagen haben es wohl nicht ganz mitgeschnitten: die johlen und zappeln fröhlich weiter zu ihrem DruffDruffDruff Sound. Ich vermute mal stark, dass von denen sowieso die wenigsten auf Bier abfahren. Derweil versucht es der „Moderator“ auf dem vorderen wagen mit Publikumsanimation. Er erinnert die Menge an einen Song namens „We will rock you!“ und versucht sich in einer mehr schlecht als rechten BeatBox Improvisation. Die Leute klatschen zwar den Takt mit, aber diese vier Wörter können sie trotz wiederholter Vorgabe kommen ihnen nicht über die Lippen. Vielleicht denken sie auch in diesem Moment an die Strophe:

Buddy you’re a young man, hard man, shouting in the street, gonna take on the world someday! Got blood on your face! Your big disgrace! Waving your banner all over the place!

Keiner singt. Die Revolution muss warten, bis alle „gewaltbereiten Autonomen” bereitwillig ihre Glasflaschen auf den Bürgersteig gestellt haben und nach ein paar Minuten stellt unser ‚Buddy’ fest, dass wohl alle Flaschen weg sein müssten. Kurz darauf setzt sich der Zug mit den Klängen einer Drum&Bass Version von Get up, stand up wieder in Bewegung. Sie ziehen los. Richtung Fluss. Ist das Freiheit?
Stille.
Abgesehen von den Flaschen und einigen noch glühenden Kippen erinnert nichts daran, dass hier vor zwei Minuten noch ein paar hundert Menschen waren. Glasflaschen und Kippen. Mehr Eindruck haben sie nicht hinterlassen. Und auch der wird von dem wieder anfahrenden Verkehr schnell verwischt. War’s das jetzt? Frage ich mich. Soll’s das gewesen sein? Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, warum ich vorhin meine Schreibmaschine ausgepackt und zu schreiben angefangen habe. Ich weiß nicht, was ich schreibe, als ich die ersten zusammenhängenden Sätze tippe.
Freiheit. Das Wort hallt in meinen Ohren nach wie ein Echo, spiegelt sich vor meinem geistigen Auge wie eine Fata Morgana; ein Phantom eines Gedankens, ein Geist ohne Gestalt, ohne Stimme. Unfassbar und unerreichbar. Ich halte inne, um mir eine Zigarette zu drehen. Vom Kirchturm gegenüber ertönt ein bronzener Glockenton. Elf Mal. Der Tag geht zur Neige, während das Dunkel der Nacht über das letzte Blau am westlichen Horizont hereinbricht. Ich sitze da und beobachte wie der bläuliche Rauch meiner Kippe in der Schwärze der Nacht über der verlassenen Strasse zerfließt. Kurz bevor er sich auflöst, scheint die Zeit still zu stehen und wie eine bizarre Skulptur im Raum zu verharren. Dann löst er sich auf und ich blicke gedankenverloren in die Tiefe der Nacht…
Plötzlich schälen sich schemenhafte Schwingen aus den Schatten; stürzen auf mich zu und mit einem Mal sitzt ein riesiger Vogel vor mir auf meiner Schreibmaschine!
„Wat glotzt’n so romatisch?“ krächzt er.
„Faszinierende Vorstellung…“ murmele ich mehr zu mir selbst, als ich mich frage, ob ich wache oder träume.
„Warum stellste dir die Frage erst jetz’?“
„Wer bist du und was machst du hier?“ frage ich den Vogel.
„Dat fragste mich?!“ schnaubt er. „Ich bin der Anfang und das Ende deiner Suche.“
„Dann sag mir, was Freiheit ist! Wie werde ich frei?“
„Heb mich hoch und halte mich aus dem Fenster, so dass ich wegfliegen kann.“
„Nein, geh’ noch nicht! Du sollst mir zuerst sagen, was Freiheit ist!“
„Kann ich nich’!“ schnarrt er.
„Kannst du es nicht oder willst du es nicht?“
„Wenn du’s so sehr wissen willst, warum findeste es nich’ selber raus? Hilf mir auf und spring mit mir aus dem Fenster!“
„Aber ich kann doch nicht fliegen wie du, schon vergessen? Ich bin ein Mensch, kein Vogel.“
„Darauf kommt’s doch ga’ nich’ an!“
„Doch! Genau das ist der entscheidende Punkt.“
„Dann kann ich’s dir nich’ erklären!“ quäkt er enttäuscht und macht einen Satz auf den Fenstersims.
„Ich hab es doch gewusst!“ rufe ich. „Du willst es mir überhaupt nicht sagen!“
Der Vogel breitet seine Flügel aus, neigt mir seinen gefiederten Kopf zu und mustert mich aus den unergründlichen Tiefen seiner gläsern spiegelnden Augen. „Wer will hier was?“ krächzt er und fliegt in die Finsternis hinaus…
Ich folge ihm mit meinen Blicken, bis er vom nächtlichen Horizont verschluckt wird. Die Kippe zwischen meinen Fingern ist verraucht und ich schnippe sie in hohem Bogen aus dem Fenster. Mein Blick fällt dabei auf die Strasse, wo ein alter Bekannter der Motorradpolizei sich wartend umsieht. Kommt die Parade etwa wieder zurück? Kaum habe ich das gedacht, da rücken auch schon die ersten Leute an und ich höre die Musik zu mir heraufschallen. Der Menschenstrom fließt unter meinem Fenster vorbei auf seinen Ausgangspunkt zu. Wie ein Fluss bewegt sich die Menge, jeder Mensch darin eine kleine Welle für sich die Masse voran treibend. Aus dem hinteren Wagen schäppert immer noch Aggro-Techno und im vorderen hat sich irgendein Möchtegern Gangsta-Revoluzzer-Rapper das Mikro gekrallt und grölt arhytmisch seine Schwachsinnstexte. Aber etwas ist geschehen; etwas ist anders als vorher: Wo zu Beginn ein gedrängtes und ineinander gezwungenes Chaos von Bewegung und Körpern war, hat sich nun der Rhythmus der Musik über die Demo gelegt; sie durchdrungen; zu einem Ganzen geeint. Wo Raver, Punks, Oi’s und andere Alternative gewesen sind, sehe ich nun die offenen Gesichter von Menschen, die, ekstatischen Traumwandlern gleich, ihre versunkenen Sinne auf das Ziel richten von dem aus sie losgegangen waren. Die Menge kommt zum Stillstand und die Turmuhr schlägt viertel nach zwölf.
Während es sich das schwer benötigte, aber noch schwerer gelangweilte Anti-Krisen Aufgebot der Ordnungshüter am Straßenrand bequem macht, hat die gesichtslose Stimme der NeoNada Revolution dem Kindergartenrapper das Mikro geklaut und setzt zu seiner Abschlussrede an.
Es wird zum Umdenken, zum Widerstand gegen das System aufgerufen. Raven gegen die Gesamtscheiße soll die Alternative sein, mit der man sich gegen die Unterdrückung des Kapitalismus zur Wehr setzen will. Zu lange sei man schon ausgebeutet worden; zu lange den Indoktrinationen der Konsumgesellschaft ausgeliefert gewesen; zu lange hätten sich die Latte Macchiato saufenden Yuppies in ihren dicken Karren für etwas Besseres gehalten. Deswegen wolle man sich jetzt Freiräume erkämpfen und zum Abschluss der gelungenen Demo, bei der sich doch so viele Leute eingefunden und den gerechten Kampf um die Freiheit unterstützt haben, Latte Macchiato an alle verteilen…
Derweil haben die Herren Ordnungshüter nach ausgiebigem Gähnen und Strecken ihre Videokameras eingepackt, die Feierabendzigarette geraucht und sich in freudiger Erwartung zur Heimfahrt in ihre Einsatzwägen gesetzt, nachdem der pseudoalternative Schreihals am Mikro die Nachttanz Demo „Temporärer Freiraum“ offiziell für beendet erklärt und die Leute nach Hause geschickt hat. Um viertel vor eins haben sich auch die meisten „Demonstranten“ verzogen und alle anderen mehr oder minder Beteiligten Akteure des Abends räumen ebenfalls das Feld. Eine halbe Stunde später liegt der Platz völlig verlassen da; lediglich eine Handvoll Leute sitzt im Kreis an dem Ort, wo das ganze Geschehen seinen Anfang nahm. Sie, der Müll und die alte Frau, die mit ihrem Fahrrad und vollgestopften Plastiktüten die Pfandflaschen einsammelt, die großzügigerweise für sie zurückgelassen wurden, zeugen noch davon, das hier eben noch Freiheit demonstriert wurde.