Archiv der Kategorie 'Magazin Streifzüge'

Fremder. Gastfreund. Feind

Ab dieser Woche arbeiten wir mit dem Magazin Streifzüge zusammen und stellen jeden Monat einen spannenden Artikel zur Diskussion. Der folgende Text ist der aktuellen Ausgabe zum Thema „Freundschaft“ entnommen. Diese und die nächsten Nummern der Monatsstreitschrift (zu den Themen Staat, Fremd, Gutes Leben) erhaltet ihr natürlich im Buchladen Koenig Kurt und als Leseexemplar im Infoladen.

Verstehen als Vernichtung des Anderen

Streifzüge 48/2010 / von Marianne Gronemeyer, Vortragsmanuskript Linz 2003, gekürzt

Ich beginne mit dem merkwürdig schillernden und in seiner Herkunft äußerst zwiespältigen deutschen Wort Gast. Vom Gast nehmen wir normalerweise an, dass er der gern gesehene ist, der, den wir geladen haben, auf den wir vorbereitet sind, dessen Erscheinen zu einem Fest wird. Aber dieser Gast fordert ja meine Gastfreundschaft nicht heraus. Die wird vielmehr erst auf die Probe gestellt, wenn der unliebsame Gast auf der Türschwelle steht und Einlass begehrt. Vielleicht bittet er nicht einmal darum, sondern ist nur einfach da und sein bloßer Anblick enthält die Aufforderung, ihm Einlass zu gewähren. Vielleicht empfinde ich ihn nur als störend, er beansprucht meine Zeit und meine Aufmerksamkeit, die ich anderen Dingen zuwenden wollte, er schafft mir Ungelegenheit, Unbequemlichkeit, unterbricht das gutgeordnete Ganze eines gewohnten Tageslaufs.

Womöglich macht er mir aber auch Angst. Ich kenne ihn nicht. Ich weiß nichts von ihm. Vielleicht ist es ihm gar nicht um Gastfreundschaft zu tun. Vielleicht will er ganz anderes als ein Lager, eine Kerze und ein Stück Brot, jene Utensilien, die, wie Ivan Illich schreibt, einmal in jedem christlichen Haus bereitgehalten wurden für den unverhofften Ankömmling. Vielleicht hat er es auf mein ganzes Hab und Gut abgesehen und seine Bedürftigkeit ist eine betrügerische Verkleidung. Die vielen „Vielleichts“, Inbegriff der Unwägbarkeit, machen das ganze Unbehagen fühlbar.

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